Reutlingen / Von Norbert Leister  Uhr

2008 habe ich mit einem Praktikum hier angefangen“, erinnerte sich Nicole Mouton gestern beim Pressegespräch im Reutlinger Mütter- und Nachbarschaftszentrum. Zuvor hatte sie in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet, in der Kartonage oder auch im Obst- und Gemüsebau der Bruderhaus-Diakonie. „Das hat mir nicht gefallen“, erzählt die 42-Jährige. Einer ihrer Betreuer aus dem Wohnbereich hatte erkannt, dass sie unterfordert war und über weitergehende Fähigkeiten verfügt. Eins kam zum anderen, und so verhalf der persönliche Kontakt des Betreuers zum Mütter- und Nachbarschaftszentrum (Mueze) Nicole Mouton zu einem Praktikum.

Allerdings waren die Anfänge nicht einfach, „es hat ein bisschen gedauert, bis wir zusammengefunden haben“, erinnert sich Martina Hemmert vom Mueze. Ein dreivierteljähriges Praktikum von Mouton half als Orientierungsphase, „für uns ist es wichtig, dass der Betrieb hier reibungslos läuft“, erläutert Hemmert.

Nicole Mouton hat eine Lernbehinderung, Lesen und Schreiben fallen ihr schwer, „und es mangelt an vorausschauendem Denken“, erläutert Sabine Graewert vom Integrationsfachdienst, die Mouton seit dem Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt begleitet, betreut und bei Fragen oder Problemen zur Stelle ist. „Anfangs war ich öfter da, heute komme ich noch alle drei Monate“, sagt die Integrations-Fachfrau, die bis zu 35 Klienten betreut.

Mit im Boot bei der Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt ist neben dem Integrationsfachdienst auch die Inklusionskonferenz des Landkreises. Auf deren Initiative hin ist im vergangenen Jahr das „Netzwerk Arbeit Inklusiv“ gegründet worden. Und es hat sich ein „sportliches Ziel“ gesetzt, wie Susanne Blum von der Inklusionskonferenz berichtet. „Wir wollen innerhalb von fünf Jahren 100 neue Arbeitsplätze für behinderte Menschen schaffen“, erläutert Blum. Bisher sind nach den Worten von Rainer Dibbern vom Integrationsfachdienst 25 solcher Arbeitsplätze entstanden. Einfach sei es wirklich nicht, Arbeitgeber zu begeistern. „Es ist weiter schwierig, Firmen zu überzeugen, denn es gibt viele Vorbehalte“, sagt Blum. „Meist handelt es sich um Nischenarbeitsplätze, die für die behinderten Menschen maßgeschneidert sind“, betont Dibbern.

Im Mütter- und Nachbarschaftszentrum dachten die „Macherinnen“ um Bettina Noack und Martina Hemmert anfangs, dass Nicole Mouton bei der Kinderbetreuung mithelfen könnte. Das habe aber nicht funktioniert, sagt Hemmert beim Pressegespräch. Nach und nach habe sich der Arbeitsplatz von Mouton entwickelt. Heute ist sie jeden Werktag zwischen 8.30 und 12.30 Uhr da, ihre Aufgaben reichen von der Vorbereitung des Frühstücks für die Kinder bis zu all den Haushaltstätigkeiten, die im Mueze so anfallen: putzen, backen, Hof kehren bis hin zum Wäsche waschen. „Die nehme ich mit zu mir nach Hause und wasche sie da“, erzählt die 42-Jährige. „Und die Dekoration hier ist mir ganz wichtig.“ Mittlerweile ist sie auch dabei, wenn die Kindergruppen zum Spielplatz gehen.

Der Arbeitsplatz von Nicole Mouton ist keiner, der einfach so ersetzt werden könnte: Die Finanzierung erfolgt zu 70 Prozent über die Ausgleichsabgabe, die Arbeitgeber zahlen müssen, wenn sie keine behinderten Menschen beschäftigen. Die Stadt Reutlingen gibt für Moutons Arbeitsplatz einen weiteren Teil dazu – in anderen Fällen müssen die restlichen 30 Prozent vom Arbeitgeber bezahlt werden. Das sei auch richtig so, betont Dibbern. Schließlich würden die Arbeitgeber ja auch ihren Profit aus der Tätigkeit der behinderten Menschen ziehen. Dabei sei klar, dass die zu schaffenden Arbeitsplätze sowohl für die Firma als auch für die potenziellen Beschäftigten passen müssen.

Ein unbezahltes Praktikum kann im Vorfeld hilfreich sein,  um das Miteinander zu testen. „Das ist immer eine Haltungssache des Arbeitgebers, ob er gegenüber der Beschäftigung von behinderten Menschen aufgeschlossen ist oder nicht“, sagt Susanne Blum. „Aber es geht natürlich auch immer um die Leistungsfähigkeit der Behinderten“, betont Rainer Dibbern.