Reutlingen Stern, auf den ich schaue

Reutlingen / KATHRIN KIPP 30.03.2012
Der Autor Niklas Maak hat das 40-jährige Innenleben eines Mercedes 350 SL literarisiert: zehn Besitzer - zehn Geschichten, die das Autoleben schrieb.

Das schicke Geschoss fuhr 40 Jahre lang durch die deutsche Geschichte, Kultur und Befindlichkeit, bis es schließlich auf einem Schrottplatz seine letzte Ruhe fand. Dort fand Niklas Maak den Original-Fahrzeugbrief - die offizielle Grundlage seines "Fahrtenbuchs".

Ein Mercedes 350 SL, Baujahr 71. Niklas Maak selbst ist ein 72er. Er lebt heute in Berlin und leitet dort das Kunstressort der "Frankfurter Allgemeinen". Maak hat versucht, alle Vorbesitzer aufzuspüren und sich ihre (Auto-)Geschichten erzählen zu lassen: Ein Arzt, ein italienischer Wirt, eine Frau, die "ihren Duft verloren hat", zwei Russen und ein Banker, der den Oldtimer gegen ein Wartehäuschen setzte.

Als er die Leute anrief, traf er anfangs noch auf Widerstände. Vor allem bei den Erstbesitzern, die dann aber doch noch alles rausholten: Fotoalben, Benzinbelege, Schnittchen, wie Maak bei seiner Buchvorstellung in der eher spärlich besetzten Stadtbibliothek erzählt. Und "anonymisiert" erzählt sichs besser, vor allem von diversen verbotenen Machenschaften im und rund um das Auto. Deshalb habe er sich für das Genre "literarische Rekonstruktion" entschieden und die Geschichten so weit verfremdet, dass keiner der Daimler-Fahrer wiederzuerkennen ist, aber der Kern der Geschichte erhalten blieb. Zum Beispiel die, dass der erste Besitzer ein Amerika-Fan war, der in den 70ern seinen staatlich subventionierten Atombunker im Keller zu einer Westernbar umgebaut hat. Um diesen auch recht authentisch zu gestalten, habe er die Holzvertäfelung mit einem Bunsenbrenner flambiert. Anschließend den Bunsenbrenner in den Kofferraum gepackt. Und mit seiner amerikanischen Geliebten (ohne Papiere) auf dem Beifahrersitz in eine Polizeikontrolle geraten: RAF-Fahndung. Da sieht man nicht besonders gut aus. "Sowas kann man nicht erfinden", ist Niklas Maak selbst ganz begeistert von den schrägen Benz-Stories.

Auch nicht die Geschichte von Frau Petrowski, einer weiteren Besitzerin der Kultkarre, die "ihren Duft verloren" hat: Nämlich "Snob" von Le Galion. Die Produktion wurde damals einfach eingestellt. Weil Frau Petrowski aber schon unter Adenauer nach Snob gerochen hat, düst sie mit ihrem Mercedes los, um letzte Restbestände aufzustöbern, was auf "turbulente Weise schief geht". Maak schmückt seine Geschichten mit viel (Beton-) Landschaft, Atmosphäre, Lebensgefühl, Anekdotischem, Retro- und Autoästhetik sowie jeder Menge kultureller Deutung aus, denn so eine flotte Nobelkarosse stelle in einer spießigen Siedlung "eine Provokation gegenüber den Kleinwagen" dar.

Auf seiner Reise durch die deutsche Geschichte gelangt der Wagen auch in die Ex-DDR, wo er 1994 von zwei Russen gefahren wird, die den Holländern, die gerade eine LPG verschachern wollen, "auf russische Weise klar zu machen, dass sie sich verziehen sollen". Gegen Ende kauft ihn ein Banker, der 2008 krisengeschwächt seinen ganzen Finanzkollaps-Ärger damit zu vertreiben versucht, dass er einen alten Bisonkopf im Flur aufhängen will. Staubsauger, Bohrer, Bison, Leiter, jede Menge Champagner: Die Geschichte endet in einer Heimwerker-Katastrophe, die Maak slapstickmäßig aufbereitet. Und so ist das Buch ganz lustig zu lesen. Am Ende kommt der "Mercedes-Schlachter". Aber die Karre lebt weiter, und zwar in Einzelteilen, die in Mexiko in anderen Mercedessen ein "fast metaphysisches Nachleben" führen. Der Daimler-Konzern hatte offenbar nicht so viel Interesse an dem Buch, erzählt Maak. Die wilden Geschichten passen wohl nicht ganz zum Image des Autoherstellers.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel