Was für ein Einstand! Voller Energie. Und mit einem Orchester, das fast wie verwandelt klingt – beseelt mit neuem Schwung, neuem „spirit“. Mehr noch: Auch die Chemie zwischen Fawzi Haimor und dem Publikum schien gleich auf Anhieb zu stimmen. „Good vibes“ also – und am Ende so viel Jubel und Beifall wie selten. Die Aufbruchstimmung war spürbar. Der neue Chefdirigent der Philharmonie legte einen fulminanten Start hin – mit Americana-Hits von John Adams (aberwitzig) und Aaron Copland (magisch). Und mit einer expressiv durchfühlten Vierten von Tschaikowski. Was will man mehr?

Fawzi Haimor ist der elfte Chefdirigent in der Geschichte der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Der 34-Jährige, geboren in Chicago mit jordanisch-libanesisch-philippinischen Wurzeln und seit langem in der San Francisco Bay Area lebend, vermittelt von Anfang an eine entwaffnende One-Hand-In-The-Pocket-Lässigkeit – aber stets in Verbindung mit absoluter Kompetenz und Stringenz.

Noch mehr als bei seinem Reutlinger Debüt im Dezember glänzte er jetzt am Montag in der restlos ausverkauften Stadthalle mit einer wohl für ihn typischen Mischung aus Verve, Transparenz und Präzision. Der luzide Haimor-Sound, wie wir ihn damals beschrieben: Hier war er wieder – at its best! Langfristig gesehen hat Haimor das Zeug, das europäisch grundierte Potenzial der Philharmonie mit den transatlantischen Qualitäten führender US-Orchester auf ein neues Level zu heben: Schließlich war Haimor bis vor kurzem Resident Conductor beim Pittsburgh Symphony – einem der viel gerühmten „Big Five“-Orchester in USA.

Und wie er dirigiert: mit geballter Energie, fokussiert, auf den Punkt, aber auch elastisch, federnd (bei Adams) oder in weichen, fließenden, eleganten Bewegungen und mit manchmal geradezu tänzerischen Moves am Pult (bei Copland): Klare Konzentration und charmante Lockerheit schließen sich nicht aus.

Programmatisch schon der Beginn: „Short Ride in a Fast Machine“ (1986), eines der meistgespielten Stücke zeitgenössischer Musik überhaupt und ein Paradebeispiel für intelligent gemachte Minimal-Music. Umwerfend die Dynamik, die Fawzi Haimor mit der Philharmonie in diesem vierminütigen High-Speed-Trip entwickelt: Der rhythmisch treibende Woodblock-Puls entfaltet bei ihm beängstigend turbulente wie auch extrem faszinierende Dimensionen – eben wie eine im Titel angedeutete kurze Fahrt in einem schnellen Sportwagen, die entfernt auch an die Power der berühmten Honeggerschen Turbo-Dampflok-Musik „Pacific 231“ erinnert. Die Philharmonie, XXL-mäßig ergänzt durch Kontrafagott, Tuba und Synthesizer, muss hier heikelste Polyrhythmen, komplex wirbelnde Loops und nahtlose Taktwechsel bewältigen und dennoch einen zügigen Drive durchziehen – was mit Faw­zi Haimor am Montag geradezu exzellent gelang. Am Ende befreit sich das Ganze vom stringenten Puls der Woodblocks, verlässt wie eine Rakete das Gravitationsfeld der Erde und düst losgelöst ins All. Bis es abrupt stoppt, ähnlich wie Ravels „Boléro“. Gnadenlos toll, voll speedy gespielt. Wow!

Weiter geht’s mit „Appalachian Spring“, auch so ein Americana-Klassiker, für dessen Urfassung Aaron Copland gar den Pulitzer-Preis erhielt. Hier geht es um mehr als rhythmische Hi-Tech-Organisation, hier geht es um großes musikalisches Kopfkino, um Szenen aus dem Leben amerikanischer Pioniere der 1800er Jahre im Land der weiten Horizonte und unbegrenzten Möglichkeiten. 1944 zunächst als Ballett mit der Tänzerin Martha Graham in der Library of Congress uraufgeführt und 1945 zur Orchestersuite umgearbeitet, darf dieses Werk auch als Gegenpol zur Weltkriegs-Katastrophe gelten, als Rückversicherung einer eigenen, freien Identität, die aus heutiger Sicht teils durchaus verklärend-idealistisch eingefärbt wirken mag. Übrigens: Der Titel ist nicht mit „Frühling“, sondern mit „Quelle“ zu übersetzen. Grandios, wie Haimor mit der Philharmonie da einen gigantischen, bunten, vitalen Bilderbogen entwirft: zauberhaft das poetische, bitonale Hauptmotiv in den Streichern, hinreißend der charmante Folkdance-Song in der Klarinette, mystisch die leise raunenden Zukunftsahnungen. Die Philharmonie mit Musikern aus rund 15 Nationen zeigt unter Haimor mehr denn je, dass sie auch jenseits des klassischen, zentraleuropäischen Repertoires beachtliche interpretatorische Kompetenzen aufweisen kann – und der Pultchef aus Übersee versteht es, dies alles mit technischer Präzision, detailfreudiger Transparenz und vitaler Sinnlichkeit zu verfeinern. Vollends der Schluss, der diese eben fast filmisch vorübergezogene Pionierwelt in ein gedämpftes Licht taucht und behutsam ausklingen lässt: fantastisch, farbstark, zauberhaft.

Dass Adams, Copland & Co., ganz zu schweigen von Crumb, Rzewski & Co., hierzulande noch immer selten im Konzertsaal erklingen, wirft auch ein Licht auf die Beschränktheit des Klassik-Horizonts in Mitteleuropa. Das könnte und sollte sich ändern – Haimor wird das eingeschliffene Repertoire multikulturell erweitern: mehr Musik aus der „Neuen Welt“, mehr Musik aus Russland, mehr Musik aus dem Nahen Osten, mehr zeitgenössische Musik.

Apropos Russen: Zum Saison­start rückte Haimor Tschaikowskis Vierte (1878) ins Programm. Noch gar nicht so lange her, dass in den einschlägigen Werkbeschreibungen da stand: „Den Maßstab klassischer Sinfonik darf man nicht anlegen“ – späte Ausläufer einer zentraleuropäischen Brahms-Bruckner-Arroganz. Wie auch immer, die Philharmonie frappiert hier mit einer selten so gehörten Schlagkraft. Haimor dirigiert frei, ohne Partitur und inszeniert diese Musik, die „Erinnerungsfetzen und Traumgespinste“ enthält und zwischen Schicksalsgewalt und Schwermut ringt, mit hoch verdichteter, dramatischer Intensität – mit viel Melancholie, mit einem surreal vorbeihuschenden Pizzikato-Scherzo und mit einem dröhnenden Tschingderassabum-Finale, bei dem Haimor in zweiter Ebene auch untergründige Verzweiflung durchklingen lässt. Kurz: pure Ausdrucksmusik, feurig, leidenschaftlich und mit Herzblut durchschwärmt und durchlitten.

Bravo-Rufe und tosender Beifall. Und als Zugabe wieder ein Gruß aus Übersee: Lenny Bernsteins Hymne „Make Our Garden Grow“ aus der Operette „Candide“ nach Voltaires einst verbotener Romansatire – sicher auch eine programmatisch gemeinte Utopie für die nächsten Jahre der Philharmonie mit Haimor. Und was den Applaus angeht: So stürmisch und herzlich zugleich ist wohl kaum ein Chefdirigent der jüngsten Jahre begrüßt worden. Die Arbeit kann beginnen. Die Zeichen stehen gut.

Über die Appalachen und die Schwäbische Alb


Schon im Konzert verteilte er Komplimente an sein „wunderbares Orchester“ und fragte das Publikum in akzentfreiem Deutsch: „Hat es Ihnen gefallen?“ Ja, Fawzi Haimor fängt mit vollem Engagement an, will sich gleich zwei Monate lang nonstop seiner neuen Aufgabe widmen und hat sich dazu mit Eltern, Frau und drei Töchtern hier einquartiert, um Stadt und Umgebung kennenzulernen. Als er am Montagabend den Reiz der Appalachen-Berge im Osten der USA beschrieb, fügte er augenzwinkernd hinzu: „Doch sie sind nicht so schön wie – die Schwäbische Alb.“ Das ging dem Publikum natürlich runter wie Öl.

Fawzi Haimor wird in den nächsten Tagen und Wochen mehrfach zu erleben sein: bei einer öffentlichen Probe „Mittendrin!“ in der Kulturnacht (23. September), beim Kaleidoskop-Konzert unter dem Motto „Bravo Broadway“ (5. Oktober), bei einem weiteren mit „Video Games Music“ (26. Oktober), beim Sinfoniekonzert mit Mendelssohn (13. November) und bei etlichen Auswärtskonzerten im Land von Worms und Heidelberg bis Ansbach und Kempten.

Sage und schreibe 13 Konzerte wird er bis 23. November geben, hinzu kommt eine CD-Produktion fürs renommierte Label cpo mit Werken des Deutsch-­Amerikaners George Antheil, der einst als „enfant terrible“ der Musik gefeiert wurde. Alles in allem: Fawzi Haimor bietet einen schwungvollen, überregional ausgerichteten und zudem hoch interessanten Start. Nach einer Pause dirigiert er am 15. Januar dann wieder in Reutlingen – das Neujahrskonzert unter anderem mit George Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“. Zu erwarten sind also, hofft Intendant Cornelius Grube, „aufregende und anregende Konzerte“. op