JUBILÄUM Stadtsymphonie zum Jubiläum

Bad Urach / OTTO PAUL BURKHARDT 19.07.2016
Großes Aufgebot zum Jubiläum: Seit 700 Jahren ist Bad Urach auch Kulturstadt. Und das will man auch zeigen – mit einer Stadtsymphonie am 22./24. Juli.

Am Freitag um 19 Uhr wird Adrian Werum, Komponist und Dirigent, auf dem Marktplatz den Taktstock heben – zu einem einmaligen Ereignis, der Stadtsymphonie. So etwas hat’s in der Kurstadt noch nie gegeben. Doch der Anlass rechtfertigt’s. „Wie klingt Urach?“ heißt sein viersätziges Werk. Das genau wollten auch wir wissen, und so trafen wir uns mit Werum, so eben zwischen zwei Terminen, in Stuttgart – in einem Café auf der Königstraße.

Wie seine Musik so klingt, fragen wir. Werum lacht: „Verboten!“ Und erklärt gleich, was er damit meint: Schon beim Kompositionsstudium in Wien habe er statt einer ordentlichen Tonsatz-Studie mal eine „kleine Ragtime-Suite“ abgeliefert – was bei den gestrengen Professoren eher Kopfschütteln auslöste. Aber er stehe dazu, sagt Werum: Seine Musik wolle nicht erstrangig akademischen Ansprüchen, Regeln und Vorschriften genügen. Nein, er schreibe ganz einfach „für die Menschen“ und nicht für Spezialisten, „nicht für eine eingefahrene Klientel“.

So soll auch seine Stadtsymphonie klingen. Natürlich hat der 46-Jährige sich dazu intensiv mit Urach beschäftigt, ist durch die Gassen gestreift, hat die Umgebung erkundet, hat ganz einfach diese Stadt, diese Landschaft auf sich wirken lassen. Und hat dabei an Goethes „Wilhelm Meister“ gedacht, an Eichendorffs „Taugenichts“, an Hesses „Narziss und Goldmund“. An jenen romantischen Geist, den diese Gegend atmet, wie ihn auch Mörikes „Besuch in Urach“ beschrieben hat.

Das Bedürfnis nach einem, wie Werum sagt, „Kontrast zur schnellen Welt“: Sich „in eine Wiese setzen“, „innere Ruhe suchen“ und „einfach mal sein“. Auf der Alb war er auch, und als dann abends kein Bus mehr zurück fuhr, ist er zu Fuß wieder ins Tal gewandert, hat’s mit Trampen probiert – bis ihn ein tatsächlich vorbeifahrendes Auto mitgenommen hat. Und siehe da, der Fahrer hatte ein Blasinstrument dabei. Das war wie ein Wink, wie eine Ermunterung. Auch so entstand die Stadtsymphonie. Werum zeigt uns die Partitur. Vier Sätze hat das Opus. Es klingt nach Pop, Rock, Musical, Klassik, Rap und mehr – stilistisch kennt Werum da weder Berührungsängste noch sonstige Grenzen. Los geht’s mit einem sehr rhythmischen ersten Satz, viel Schlagzeug-Groove und darüber eine weit ausschwingende, fast hymnische Melodie ohne Worte.

Und wie gesagt, halb Urach wird da mitsingen, mitspielen, mitwirken – Musikverein, Sängerkranz, Beatstompers, Posaunenchöre, Akkordeon-, Musikschulorchester, Schülergruppen, Didgeridoo-Spezialisten und viele andere mehr. Und zwischen den Sätzen gibt’s Einlagen von Uracher Rappern aus dem Jugendhaus. Das ist der Sinn der Sache: Die Stadtsymphonie soll Menschen zusammenbringen – über einen gemeinsamen Rhythmus, einen gemeinsamen Klang. Werum ist da Profi durch und durch. Er ist viel rumgekommen, hat in New York, Wien, New Orleans und Zürich gelebt, hat mit Roman Polanski, Thomas Gottschalk und Rolando Villazón zusammengearbeitet, hat sich auch als Musical-Dirigent einen Namen gemacht. Seit einigen Jahren lebt er in Stuttgart und leitet dort das von ihm gegründete „Orchester der Kulturen“, in dem er vorwiegend nicht-klassische Instrumente aus aller Welt zusammenführt: osteuropäische Hackbretter, fernöstliche Kniegeigen, schweizer Alphörner, arabische Lauten. Und mit Großprojekten kennt er sich aus: Zum Sindelfinger Stadtjubiläum 2013 hat Adrian Werum das Musical „Sirenen der Heimat“ komponiert. Im Oktober 2016 werden Flüchtlinge aus aller Welt mitwirken, wenn er dort deren „Sinfonie unseres Lebens“ aus der Taufe hebt.

Zurück zur Stadtsymphonie. Im zweiten Satz wird’s eher meditativ, und der dritte geht dann in Richtung Minimal Music, mit Didgeridoos und Chören, die aus dem Schüleralltag berichten – „Hausis machen, YouTube schaun‘“. Und im vierten Satz erklingt dann von Johannes R. Becher, dem Dichter, Politiker und Urach-Fan, eine regelrechte Hymne auf die Natur. Mehr sei nicht verraten. Sagen wir es so: Zumindest für die Dauer einer Stadtsymphonie werden verschiedenste Menschen zusammen harmonieren. Und Bad Urach könnte zeigen: Hört her, so klingt eine Kultur- und Musikstadt. So klingen wir!

Stadtsymphonie „Wie klingt Urach?“ Es gibt zwei Aufführungen auf dem Marktplatz – am Freitag, 22. Juli, und am Sonntag, 24. Juli, jeweils ab 19 Uhr.

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