Die Situation war schon ziemlich seltsam am vergangenen Samstagvormittag vor und in der Reutlinger Citykirche: Während vor dem Gebäude die AfD Wahlwerbung mit fremdenfeindlichen Inhalten verbreitete, trafen sich in der Nikolaikirche Menschen, um ein neues Werk von „Zammà“ zu feiern – ein Magazin und ein Beweis für die „Vielfalt, die unsere Stadt ausmacht“, wie Oberbürgermeister Thomas Keck ausführte. Vor acht Jahren machte sich das Bildungszentrum in Migrantenhand mit Galina Lerner auf den Weg, solch eine Zeitschrift über Migranten in Reutlingen zu produzieren. Zusammen mit der Journalistenschule sowie dem Amt für Integration und Gleichstellung ist das auch gelungen – mit großem Erfolg.
„Ich freue mich sehr über dieses außergewöhnliche Stadtmagazin“, so der Oberbürgermeister. Das Konzept der Zeitschrift mit seinen berührenden, informativen, begeisternden Porträts von Migranten in Reutlingen ist in diesem Jahr nach den Ausführungen von Keck unter der Anleitung des neuen Leiters Ariel Hauptmeier nochmals überdacht worden. „Es ist noch bunter geworden“, erklärte der OB. Von den schon gewohnten Porträts reiche die Bandbreite nun über Interviews, Gesprächsprotokolle bis hin zu Kinderbildern. Und, ebenfalls neu: Das Magazin hängt in Großformat in der Citykirche und kann dort betrachtet werden. „Das Ziel des Magazins ist, die Vielfalt in Reutlingen abzubilden und ihr Gesichter zu verleihen“, betonte Thomas Keck.
So wie zum Beispiel die Gesichter von Donia Grolli, Isabel da Silvas und Eva Hofius. Sie bilden das Trio „The Melikas“, alle drei haben unglaubliche Stimmen und sie interpretieren Pop- und Soul-Titel in einer faszinierenden Art und Weise. Auch über die drei jungen Frauen, von denen zwei einen „Migrationshintergrund“ besitzen, ist eine Geschichte in dem neuen Zammà-Heft zu finden. Genauso wie über Monzer Haider, der 2012 aus Syrien geflohen ist, heute Politikwissenschaften in Tübingen studiert und sich zusammen mit dem Schüler der Journalistenschule Andreas Holzapfel mit dem 85-jährigen Georg Jentz traf. Letzterer ist Donauschwabe und hat vor rund 70 Jahren Ähnliches auf der Flucht aus seiner damaligen Heimat erlebt wie Haider vor acht Jahren. „Wir haben Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede gefunden“, berichtete der 27-Jährige am Samstag.
Dann hielt Monzer Haider dem Publikum in der Citykirche eine nahezu philosophische Abhandlung über den Begriff Integration: „Ich will den Begriff revolutionieren und zwar in Richtung des Grundgesetzes.“ Was bedeutet: Alle Menschen in Deutschland müssten sich auf dem Boden des Grundgesetzes integrieren. „Ich will hier nicht Gast sein, ich will dazugehören“, so Haiders Fazit.

Bereits die achte Ausgabe

„Die Geschichten in dem neuen Heft sind überraschend und anrührend“, so Keck. Und sie bedeuten nach den Worten von Galina Lerner „eine Aufwertung der Menschen und ihrer Community“. Auch Sultan Plümicke als Leiterin des Amts für Integration „war bei der Geburtsstunde von Zammà schon dabei“ und freut sich darüber, dass auch nach der achten Ausgabe dieses Projekt immer noch so gut läuft.
Elisabeth Grüner vom selben Amt lobte die Zusammenarbeit der drei Institutionen, Hauptmeier bezeichnete sich selbst als „aus dem hohen Norden Deutschlands zugewandert“. Und er betonte: „Auch ich bin hier integriert worden.“ Ein paar weitere Lieder von den „Melikas“ folgten und bewiesen ebenso wie die Geschichten in dem Magazin, dass Migranten in Reutlingen eine enorme Bereicherung für die Stadt bedeuten.

Über das Ankommen in Reutlingen


Die Geschichten in „Zammà“ handeln vom Ankommen in Reutlingen, sie berichten über Uranbaigal Dasch, eine Mongolin, die als 21-Jährige nach Deutschland kam, hier heiratete, aus ihrer gewalttätigen Ehe flüchtete und heute als Gerichtsdolmetscherin und Integrationskursleiterin mit ihrer Liebe zur deutschen Sprache anderen Menschen hilft, hier anzukommen.

Weitere Porträts befassen sich mit der Gemeinderätin Njeri Kinyanjui, den „Melikas“, der elfjährigen Dilara, die aus Syrien stammt, fünf Sprachen spricht und im Radio Wüste Welle eine eigene Sendung moderiert. Für eine andere Geschichte haben sich eine Christin, ein Jude und ein Muslim getroffen und sich über Witze unterhalten. Oder es wurde zusammen mit dem Reutlinger Nevzat Salim darüber philosophiert, ob er der ursprüngliche Erfinder des Kebab ist. All die Texte wurden von Schülerinnen und Schülern der Journalistenschule zu Papier gebracht.

Zammà erscheint in einer Auflage von 4000 Stück und liegt in allen öffentlichen Einrichtungen und in der Citykirche aus. nol