Pfullingen / ANNE LEIPOLD  Uhr
Der Himmel kann ganz unterschiedlich geerdet werden: Mit Kunst, spitzer Zunge, Musik, Gesang, Begegnung und Gesprächen. Diese und die Vielfalt der Ökumene machte der Stadtkirchentag greif- und erlebbar.

"Religion muss sein wie ein doppelter Espresso", fordert Michael Hagel. Mit spitzer Zunge, lauter Kritik und ein wenig Polemik sprach der Kommunalpolitiker in seiner Gedankenzeit im Hinterhof des Rössle aus, was sicher vielen Christen in der Gegenwart Unbehagen bereitet. Mit Punk und Polemik, Weizenbier und Cola wollte er gerade jungen Menschen Denkanstöße zu Kirche und Glaube geben. Die aber waren nur vereinzelt anwesend, die Gäste dennoch zahlreich. Hagel fordert klare Inhalte und Authentizität. Das "Alles-happy-alles- gut"-Image im christlichen Marketing findet er störend, der Weg zur Erlösung sei steil und steinig. Es müssten auch die abgeholt werden, die genervt, empört oder verbittert sind. Hagel kritisiert die "Schönwetter-Atheisten", die ihr Konzept ohne Gott nicht zu Ende denken, den Weihnachtsbaum aufstellen und zur Beerdigung die Engel singen hören wollen. "Das ist in meinen Augen kein Grund, sich vorher so blöd anzustellen", sagte er.

Dass die Grenzen zwischen den Religionen, wie in der Ökumene, verschwimmen, sieht er als großen Vorteil. Religion aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen ist für ihn das Umschlagen in Intoleranz. Hagel betont, nur wer selber mit Religion klarkomme, kann andere Kulturen verstehen. Dann verstehe ein Christ, weshalb ein Moslem zum Beten einen schönen Raum möchte. "Wenn man die eigene Kirche pflegt, erhält und hingeht, dann kann man es auch ertragen, wenn es ein paar Moscheen mehr gibt."

Es waren solche Gespräche, wie die in der "Gedanken-Zeit", die den Stadtkirchentag so lebendig, erfrischend und einzigartig machten. Für diese schwangen sich die Gäste des Stadtkirchentages auf Drahtesel und Motorrad, um dieses Besinnliche an den ungewöhnlichen Orten mit dem engen Zeitplan zu hören. Für diesen quetschten sie sich auf die Treppen der Stadtbibliothek, um Gerd Seegers Verbindung zwischen Wissenschaft und Glaube zu folgen, rückten im Luftschutzkeller eng zusammen, um Hebels Kalendergeschichten, vorgelesen von Hermann Fischer, zu lauschen.

Einen Schritt vor, wieder zurück. Mal braucht es Nähe, mal Ferne, um die richtige Wirkung eines Bildes zu erfassen. 25 Künstler haben den Himmel auf ihre Weise geerdet. Sie haben ihre Gedanken und luftigen Ideen mit Produkten der Erde materialisiert, führte Felicitas Vogel die vielen Interessierten in den Kirchenbänken der St. Wolfgangskirche in die Ausstellung ein. Die Werke zeigen, wie Bergkuppen über den Wolken den Himmel scheinbar berühren, wie im Erdreich verankerte Wurzeln zugleich als Baumkronen in den Himmel ragen, Meereswellen in den Himmel spritzen. Applaus für die von Gaby Frey-Bantle organisierte Ausstellung und dem musikalischen Können der Geschwister Rudolf, Martin und Karin Schimassek.

Mit Gebäck, Getränken und Spielen lockten auf dem Markt der Möglichkeiten die kirchlichen und sozialen Einrichtungen. Das Samariterstift informierte über Heimplätze, Aktivitäten und Spendenprojekte, wie einen neuen Bus für die Tagespflege, erklärte Hausleiterin Friedlinde Möck. Dazu reichten sie Smoothies und Sektvariationen.

Einmal selbst Orgel spielen ermöglichten die Kirchenchöre. Töne durften einem vereinfachten Model entlockt werden, das zugleich zeigte, wie eine Orgel überhaupt funktioniert. Ihren großen Auftritt hatten die Chöre bereits am frühen Morgen. Choräle und Kanons boten sie verdutzten Kunden bei Schmälzle, Aldi, McDonalds und Café Rosenkranz sowie beim Samariterstift und Haus am Stadtgarten. "Das kam gut bei allen an, bei Ausführenden und Hörenden", war Dorothee Berron sichtlich zufrieden.

Den Himmel auf Erden fanden die Jugendlichen im Schönbergbad. Unter fachkundiger Anleitung von Schulsozialarbeiter Simeon Spahr ließen sie sich beim ArschbombenKontest aus luftigen Höhen als Kartoffel, Brett oder Anker ins Becken plumpsen. Die Schlange der Sprungwilligen war lang - und vielleicht war ja das eine oder andere Naturtalent drunter, das künftig mit der Nationalmannschaft zu den Weltmeisterschaften reist.

"Habt ihr viel zu lachen hier", wollte schließlich Detlev Schönauer in der St. Wolfgangskirche wissen. "Ja", tönte es ihm entgegen. Er machte den Beichtstuhl zur Dusche, deklarierte den Bandscheibenvorfall als typische Protestantenkrankheit, da auf ihnen die Schwere der Sünde lastet und führte die Beichte mit einem Online-Sündenkatalog ad absurdum. Die Herzen seiner Zuschauer hatte der französelnde Kabarettist schnell erobert, die Lachsalven waren ihm sicher.

So waren es am Samstag die Orte abseits des Marktplatzes, die die Besucher, hauptsächlich Insider, also Gläubige, anzogen. Dieser füllte sich dafür am Sonntagmorgen zum ökumenischen Gottesdienst, der mit den artistischen Einlagen des Künstlers "Carismo" noch einmal den Himmel auf die Erde holte.