Eine Redakteurin des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ hat jüngst einen viel beachteten Artikel über ihre eigene Situation während der Corona-Zeit publiziert: Bedingt durch das Home Office und die geschlossenen Kitas hat sie im Laufe der Wochen festgestellt, dass ihr Sohn durch das gemeinsame Zusammensein Zuhause ausgeglichener und fröhlicher wurde. Was für eine Überraschung, mag man ausrufen. Oder etwa doch nicht? Pädagogen, Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten warnen seit langem vor den Schäden, die Kinder nehmen, wenn sie zu früh in Kitas und Betreuungseinrichtungen, egal welcher Art, abgegeben werden. Der namhafte und auch als Autor tätige Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff warnt davor, Kinder ohne feste Bezugspersonen, nämlich die Eltern, zu lassen. Sein Rat: Kinder brauchen vor allem ein Zuhause, das ihnen Sicherheit und Geborgenheit bietet.

Familie bietet Geborgenheit

In dieser Woche hat der Reutlinger Gemeinderat die Familienleitlinien verabschiedet, ein dickes Regelwerk mit vielen Projektvorschlägen, an dem vier Jahre lang viele Multiplikatoren der Stadtgesellschaft gearbeitet haben. Die Stadt soll kinderfreundlicher werden. Durch finanzielle Unterstützung, durch mehr Betreuungsangebote, durch viele Hilfen und durch Erleichterungen für Mütter oder Väter in der Arbeitswelt. Das ist gut und unterstützenswert. Vergessen wird dabei allerdings allzu oft, dass ein Kind nicht durch zig Angebote, kostenlose Schülerkarten oder eine ausgefeilte Pädagogik in den Betreuungseinrichtungen glücklich wird. Der Kern des Glücks liegt in der Familie selbst.

Druck auf Frauen

Gestresste Eltern, die nur noch zwischen Beruf und den notwendigen Alltagsaufgaben hin und her rennen, werden kaum Ruhe und Geborgenheit an die Kinder weitergeben können. Die meisten Frauen verspüren den Druck, möglichst schnell nach der Geburt ihres Kindes wieder die Arbeit aufzunehmen. Aber das hat weder etwas mit Frauen- noch mit Kinderrechten und schon gar nichts mit Selbstverwirklichung zu tun. Dahinter stecken handfeste wirtschaftliche Interessen nicht nur der Unternehmer. Denn ohne die Steuern und Sozialabgaben der in die Arbeitswelt integrierten Frauen würde ein noch tieferes Loch im Etat des Bundes klaffen. Vielleicht hat die Corona-Krise ja doch Positives bewirkt. Nämlich das Bewusstsein der Mütter (und Väter) für das, was Kinder wirklich brauchen.