Reutlingen Stadt bereitet Evakuierung vor

Reutlingen / Carola Eissler 28.07.2018

Stadt, Hilfsdienste, Polizei, Feuerwehr und Kampfmittelräumdienst bereiten sich auf die möglicherweise größte Evakuierungsaktion vor, die Reutlingen je erlebt hat. Nachdem seit wenigen Tagen durch Sondierungen und Auswertung von Luftbildern feststeht, dass möglicherweise eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, ein Blindgänger, im Boden in vier Meter Tiefe an der Ecke Karlstraße/Bismarckstraße liegt, wird am Sonntag, 5. August, der Fundort freigelegt. Sollte es tatsächlich ein Blindgänger sein, werden sofort alle Gebäude in einem Radius von 300 oder 500 Metern, je nach Sprengkraft der Bombe, evakuiert und die Entschärfung kann beginnen.

Die Fair-Energie war bei ihren derzeitigen Bauarbeiten für den Ausbau des Fernwärmenetzes auf den Fund gestoßen und hatte, wie Georg Arentz von der Fair-Energie und Bernd Stöhr, stellvertretender Leiter Amt für öffentliche Ordnung, erklären, den Kampfmittelbeseitigungsdienst benachrichtigt. Der Sonntag wurde von der Stadt bewusst gewählt, um die mögliche Bombe zu entschärfen. Zum einen ist der Einzelhandel geschlossen, zum anderen eben auch die Firmen. Will heißen: Sonntags befinden sich wesentlich weniger Personen in dem Gebiet als werktags.

Der Ablauf ist bereits bis ins Detail geplant: Am Sonntag, 5. August, wird um 6 Uhr morgens der Kampfmittelbeseitigungsdienst mit vier Feuerwerkern anrücken und den Fundort beziehungsweise das Metallstück freilegen. „Was dabei herauskommt, wissen wir nicht“, sagt Joachim Leippert, Feuerwerker beim Kampfmittelbeseitigungsdienst.

Aus seiner Erfahrung heraus liegt aber der Verdacht nahe, dass es ein Blindgänger sein könnte. Denn die Sondierungsbohrungen der Augsburger Firma Geomer und die Luftbildauswertungen für das im Zweiten Weltkrieg stark bombardierte Stadtgebiet haben den entsprechenden Verdacht erhärtet.

Um zirka 9 Uhr wird dann das Ergebnis der Sondierung vorliegen. Ist es ein harmloses Metallstück, wird die ganze Aktion abgeblasen.

Wenn nicht, läuft die Evakuierungsmaschinerie an. Ob rund 140 Gebäude mit 1138 Bewohnern in einem Umkreis von 300 Metern evakuiert werden müssen oder sogar 504 Gebäude mit 3091 Bewohnern in einem Umkreis von 500 Metern, das hängt von der möglichen Größe und Sprengkraft der Bombe ab.

Die Stadt informierte gestern mit Hilfe aller Beteiligten die Öffentlichkeit. Größere Einrichtungen wurden gestern bereits vom Amt für Öffentliche Ordnung angerufen, ab Montag gehen Briefe an die betroffenen Einwohner in mehreren Sprachen raus.

Ab Montag ist dann auch das Bürgertelefon eingerichtet (siehe Infokasten). Über diese Hotline sollten Angehörige oder Nachbarn auch Personen melden, die nicht selbst ihre Wohnungen verlassen können, sondern abgeholt und eventuell transportiert werden müssen. Das DRK bereitet sich mit 13 Krankentransportfahrzeugen, 14 Rettungswagen und zahlreichen Helfern darauf vor. „Die Herausforderung ist, dass wir nicht wissen, wie viele Leute wir transportieren müssen“, sagt Markus Metzger, Rettungsdienstleiter vom DRK-Kreisverband.

Im Vorfeld wird bereits abgeklärt, welche Altenheime und Krankenhäuser eventuell Personen für kurze Zeit beherbergen können. Das DRK übernimmt zudem die gesamte Betreuung in der Stadthalle, die als Notunterkunft eingerichtet wird und wo sich betroffene Personen aus dem Evakuierungsgebiet dann aufhalten können.

„Die Sicherheit der Bevölkerung ist uns ganz wichtig“, sagt Heiko Kächele vom Polizeipräsidium Reutlingen, der den Einsatz an diesem Tag leiten wird. Ebenso hoffe man natürlich auf das Verständnis und die Kooperation der Betroffenen. „Das Ganze wird zudem aus der Luft beobachtet, damit sich niemand im Evakuierungsgebiet aufhält.“

„Wir nehmen die Situation sehr ernst“, sagt auch der Leiter der Feuerwehr Reutlingen Harald Herrmann. Wenn es sich tatsächlich um einen Blindgänger handle, „dann müssen wir innerhalb kurzer Zeit reagieren“.

Das zu räumende Gebiet ist recht groß. Und birgt neben den zahlreichen notwendigen Straßensperrungen einige Herausforderungen. Zwei Hotels, eine Klinik (im Kronprinzenbau), das Kolpinghaus, Kirchengemeinden (Christliche Gemeinde Reutlingen und St. Wolfgangkirche), Busbahnhof, Hauptbahnhof, Schienenstrecken, eine Wohngemeinschaft für heimbeatmete Patienten, eine große Gasleitung, ein zentraler Schacht mit Leitungen der Telekom, um nur einige zu nennen. Der Hauptbahnhof wird am Sonntag geschlossen, angedient wird Reutlingen über den Bahnhof West. Sollte es zu einer Entschärfung kommen, wird der Zugverkehr zwischen Tübingen und Metzingen eingestellt.

Fest steht schon jetzt: Noch nie zuvor musste sich die Stadt Reutlingen in den vergangenen Jahrzehnten auf eine solch große Evakuierungsaktion vorbereiten. Zwar wurde bei der Bebauung der Oberen Wässere ebenfalls ein Blindgänger gefunden. Die Bombe war jedoch recht klein, nur wenige Gebäude mussten evakuiert werden. Wie schnell eine mögliche Entschärfung geht, kann Feuerwerker Joachim Leippert nicht sagen, manchmal dauere es bis zu zwei Stunden. „Das kommt auf den Zünder an. Aber eines ist sicher: Wenn es eine Bombe ist, dann ist es gefährlich.“

Wissenswertes rund um den Evakuierungs-Sonntag

Zeitplan: Ab 6 Uhr am Sonntag, 5. August, wird die Fundgrube mit dem Metallgegenstand freigelegt. Ist es ein Blindgänger, wird das Gebiet ab 9 Uhr evakuiert. Betroffene sollten eine Tasche mit notwendigen Dingen, Essen, Getränken und Medikamenten bereithalten. Eine Entschärfung dauert bis zu zwei Stunden.

Busse: Die Stadt stellt Busse für die Evakuierung bereit. Eine Notunterkunft ist in der Stadthalle.

Bahnhof: Der Hauptbahnhof wird geschlossen und Reutlingen-West angedient. Bei einer Entschärfung wird der Zugverkehr zwischen Metzingen und Tübingen komplett eingestellt.

Hotline: Ab Montag, 30. Juli, ist eine Hotline geschaltet  unter (08 00)
303 44 44. Das DRK bittet darum, bettlägrige, kranke oder nicht mobile Personen dort zu melden, damit sie abgeholt und begleitet werden können. Die Hotline ist täglich zwischen 8 und 17 Uhr geschaltet. Die Bevölkerung wird auch über die Warn-App Nina über den Stand der Dinge informiert.

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