Reutlingen Stabwechsel an der Vesperkirche

Gestern übernahm Pfarrer im Ruhestand Jörg Mutschler (rechts) von Pfarrer im Ruhestand Klaus Kuntz den Staffelstab der Reutlinger Vesperkirche.
Gestern übernahm Pfarrer im Ruhestand Jörg Mutschler (rechts) von Pfarrer im Ruhestand Klaus Kuntz den Staffelstab der Reutlinger Vesperkirche. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 23.07.2016
„Vesperkirchen-Gallionsfigur“ Klaus Kuntz geht sozusagen in den zweiten Ruhestand – am Donnerstag übergab er den Staffelstab an Jörg Mutschler.

Der lange Beifall der Mitglieder des Vesperkirchen-Leitungsteams galt am Donnerstag in der Planie 17 einer einzigen Person: Klaus Kuntz. Der Reutlinger Pfarrer im Ruhestand war nicht nur Initiator, Motor und „Gallionsfigur“ der Vesperkirche, so Diakonieverbands-Geschäftsführer Günter Klinger. Kuntz hatte es obendrein geschafft, die mittlerweile mehr als 200 Ehrenamtlichen jedes Jahr wieder mitzunehmen, zu faszinieren und zu begeistern für eine Idee, die vor allem eines symbolisiert: Nächstenliebe für die Armen, Einsamen und Vergessenen der Gesellschaft.

Oder wie es Kuntz Nachfolger ausdrückte: „Die Vesperkirche ist ein Indiz dafür, dass in dieser Gesellschaft was nicht stimmt“, sagte Ruhestands-Pfarrer Jörg Mutschler. Der unglaubliche Reichtum auf der einen Seite stehe in diesem Land bitterer Armut gegenüber. Mutschlers Herz sei gleichermaßen schwer und leicht – schwer, weil er in die so großen Fußstapfen von Klaus Kuntz treten soll. „Die Besucher der Vesperkirche werden eine Weile brauchen, bis sie registrieren, dass ich da bin“, prophezeite der ehemalige Hohbuch-Pfarrer. Aber: Er fühle sich geehrt, Teil der Reutlinger Vesperkirche sein zu dürfen.

„Gleichzeitig ist mein Herz leicht, wenn ich in die Runde dieses Leitungsteams schaue – da ist so viel Fantasie, Kreativität und Herzblut vorhanden“, so der neue theologische Kopf der  Vesperkirche. Dabei sei dieses „besondere Gasthaus“ ja beileibe nicht unumstritten: Im Land gebe es mittlerweile 30 Vesperkirchen, in Bayern nur zwei. Und: Sind diese paar Wochen währenden Einrichtungen zur Speisung der Armen „nicht nur ein Trostpflästerle“, so Jörg Mutschler. Ein Mittel zur Beruhigung des schlechten Gewissens? „Wer einmal in die strahlenden Gesichter der Vesperkirchen-Besucher geblickt hat, wer die guten Gespräche erlebte, der erkennt: Da geschieht so viel Gutes.“

Klaus Kuntz war nach seinem Eintritt in den Pfarrer-Ruhestand 20 Jahre lang der Kopf der Reutlinger Vesperkirche, „sie ist hier zu einem Leuchtturm geworden, ein Zeichen und Symbol dafür, dass Armut auch in unserer Stadt anzutreffen ist“, betonte Günter Klinger. Mutschler sieht in der Vesperkirche „ein charmantes und anziehendes Zeichen“, dass viele Menschen in Reutlingen aufstehen, um selbst etwas gegen die Armut zu tun. „Und dabei ist eine atemberaubende ökumenische Gemeinschaft entstanden – ich habe sogar mittlerweile meine Lieblingskatholiken“, schmunzelte der neue Kopf der Vesperkirche augenzwinkernd. Allerdings sollten auch Muslime künftig in die Vesperkirche mit aufgenommen werden – als Besucher ebenso wie als Mitarbeiter. Denn: „Muslime sind ein Teil unserer Gesellschaft“, gab Mutschler die offizielle Einladung an alle Glaubensrichtungen an der Achalm aus, sich in der Vesperkirche heimisch zu fühlen.

Pfarrer i.R. Klaus Kuntz

Aus Alters- und Krankheitsgründen kann Klaus Kuntz die vielfältigen Arbeiten und Tätigkeiten als Kopf der Reutlinger Vesperkirche nicht mehr weiterführen, wie Günter Klinger gestern betonte. Dabei ist dem heute 81-jährigen Kuntz nicht nur zu verdanken, dass es diese besondere Einrichtung in der Stadt gibt – und über zwei Jahrzehnte hinweg jedes Jahr wieder im Winter die armen, einsamen und vergessenen Menschen in die Nikolaikirche einlädt. Klaus Kuntz hat das ermöglicht, er war die Gallionsfigur, die gebraucht wird, um mit einem großen Team Großartiges auf die Füße zu stellen. Klaus Kuntz hat mit seinem Wirken aber auch dafür gesorgt, dass die Armut in Reutlingen ein Gesicht bekam. Dass die Menschen am Rande der Gesellschaft in die Mitte genommen werden. Zwar „nur“ ein paar Wochen im Jahr, aber immerhin. Klaus Kuntz ist in die Geschichte der Stadt eingegangen – weil er Mitgefühl und Nächstenliebe zeigte, für die Menschen, die ansonsten von der Gesellschaft vergessen werden. Dafür gebührt ihm der Dank der gesamten Stadt. „Und wenn Klaus Kuntz künftig in die Vesperkirche kommt, dann wird es eine Weile brauchen, bis die Besucher registrieren, dass ich auch da bin“, sagte Nachfolger Jörg Mutschler. nol

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