Spielsachen lassen nicht nur die eigene Kindheit lebendig werden, sie sind auch ein Spiegel vergangener Zeiten: Das Heimatmuseum lädt mit der Ausstellung „Das hab ich auch gehabt! Spielzeug aus dem Wirtschaftswunder auf eine Zeitreise in die 1950er und 60er Jahre ein. Insbesondere ältere Besucher dürften in nostalgischen Erinnerungen schwelgen.

Die Exponate stammen aus dem Besitz von Jörg Bohn, der sein Haus in Rheinberg am Niederrhein in ein begehbares Wirtschaftswunder-Museum verwandelt hat. Die mehreren hundert Exponate, die seit Freitagabend im Reutlinger Heimatmuseum zu sehen sind, stellen nur eine kleine Auswahl der Bohnschen Schätze dar.

Der Sammler, der sein Alter nicht verraten will, ist selbst ein „Kind der Wirtschaftswunderjahre“. Um die Jahrtausendwende hatte er angefangen, Spielzeug aus jener Zeit zu sammeln, als die Bundesrepublik wirtschaftlich prosperierte. Zwischenzeitlich hat sich Bohn einen Sammelstopp auferlegt.

Spielzeug als Spiegelbild der Gesellschaft

Für Dr. Martina Schröder, welche die Ausstellung kuratiert hat, ist Spielzeug ein „Spiegelbild der Gesellschaft“. Industriell gefertigtes Spielzeug ist eine verkleinerte Abbildung der realen Welt. Im Spiel werden zeittypische gesellschaftliche Erwartungshaltungen und soziale Rollenbilder nachgeahmt – als Vorbereitung für das  Leben als Erwachsener.

So haben die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg in der jungen Bundesrepublik mit ihrem Wandel vom Mangel hin zum Überfluss des Wirtschaftswunders ihre Spuren in den Kinderzimmern hinterlassen. Das Warenangebot eines Kinderkaufladens verweist beispielsweise auf die schlechte Ernährungslage direkt nach dem Krieg sichtbar, denn verkauft wurden im Spielgeschäft nur Kaffee-Ersatz-Mischungen, „Götterspeise ohne Zucker“ sowie Fleischbrühe in „Friedensqualität“. Dank Marshallplan, Währungsreform und hoher Leistungsbereitschaft der Bevölkerung ging es nach 1950 wirtschaftlich aufwärts und die Lebensqualität stieg.

Moderner Lifestyle

Das neue Konsumverhalten führte zu „Fress- und Haushaltswellen“. Im Spielzeugbereich dokumentieren chic eingerichtete Puppenstuben und Elektrogeräte wie Kühlschrank oder Fön den modernen Lifestyle. Es weist schon Züge von Ironie auf, dass die Puppenhäuser, die das Wirtschaftswunder dokumentieren, in DDR-Werkstätten hergestellt wurden.

An bunten Brettspielen lässt sich beispielsweise die „Reisewelle“ nachvollziehen, die westdeutsche Urlauber nach „Bella Italia“ führte. Folgerichtig erreichte auch der Siegeszug des Autos wie des Fernsehens die Kinderzimmer: Parkhäuser und Rennautobahnen im Kleinformat oder Lurchi und Mecki als Medienhelden wurden zu einem festen Bestandteil der Kindheit.

Ungebremster Fortschrittsglaube

Der ungebremste Glaube an den Fortschritt wurde den Jüngsten ebenfalls spielerisch vermittelt. 1958 brachte die Firma Wilesco ihre Dampfmaschine R 200 in der Form eines Atomkraftwerks auf den Markt. Die Maschine wurde allerdings nicht mit Esbit, sondern mit Strom aus der Steckdose betrieben.

Die Schau zeigt auch, wie sich die Amerikanisierung vieler Lebensbereiche, die damals ihren Anfang nahm, auf die Produktkultur auswirkte. Plastik ersetzte Holz, durch Massenfertigung wurde Spielzeug zu einem preiswerten Artikel für (fast) jedermann. Die sehenswerte Ausstellung zielt auf alle Altersgruppen. Während ältere Semester sich an ihre Kindheit erinnern, lernt  die Smartphone-Generation unter anderem, dass es früher Telefone ohne Tasten und Apps gegeben hat.

Das könnte dich auch interessieren:

Fußball-Talk mit Felix Magath und Reiner Calmund „Kompromisse helfen nicht“

Reutlingen

Begleitprogramm zur Ausstellung


Zu der Ausstellung „Das hab ich auch gehabt! Spielzeug aus dem Wirtschaftswunder“ bietet das Heimatmuseum ein umfangreiches Begleitprogramm für Kinder und Erwachsene an. Neben zahlreichen Führungen (die erste ist am Sonntag, 24. November, 11.15 Uhr) werden drei Spieleabende für alle angeboten. Dabei werden erstmals am Donnerstag, 14. November, 18 bis 20 Uhr, ungewöhnliche und heute kaum noch bekannte Brettspiele aus den 1950er Jahren vorgestellt und gespielt. Am Sonntag, 2, Februar 2020, 13 bis 17 Uhr, können die Besucher des „Familientags: Wunderbare 50er Jahre“ die Zeit des Wirtschaftswunders bei Musik, Tanz und Mitmachangeboten erleben.

Das Museum ist dienstags bis samstags durchgehend von 11 bis 17 Uhr geöffnet, am Donnerstag von 11 bis 19 Uhr und am Sonntag von 11 bis 18 Uhr. rab