Reutlingen Sonic Visions mit philharmonischen Klangfeldern

Antonis Anissegos war in der Reihe Sonic Visions mit zwei Uraufführungen präsent. Foto: Jürgen Spiess
Antonis Anissegos war in der Reihe Sonic Visions mit zwei Uraufführungen präsent. Foto: Jürgen Spiess
Reutlingen / JÜRGEN SPIESS 30.03.2013
Vier Projekte, dabei drei Uraufführungen, gab es am Donnerstag in der Reihe Sonic Visions. 70 Fans lauschten im franz.K den Grenzüberschreitungen.

Musik kann zeitliche Begrenzungen auflösen. So etwa bei der Uraufführung "accidents" des Tübinger Gitarristen und Sonic-Visions-Mitgestalters Thomas Maos. In dem 25-minütigen Stück gehen Streicher und Bläser der Württembergischen Philharmonie, Achim Nörz am Schlagzeug und Maos an den E-Drums eine Verbindung mit den Live-Visuals des Lichtkünstlers Volker Illi ein. Gemeinsam stellen sie von der Klassik inspirierte Neue-Musik-Collagen in den Raum, die in ihrer harmonischen Schrägheit beeindrucken. Auf der einen Seite wirken sie durch die harten Schläge der E-Drums fremd und bedrohlich, auf der anderen berückend schlicht und schön. Dazu laufen Schwarz-Weiß-Videos von Gitterstäben, Glaskügelchen und verleimten Glasplatten über die Großleinwand.

Extrem minimalistisch wird es, wenn sich der in Berlin lebende und aus Griechenland stammende Komponist Antonis Anissegos seinen beiden Uraufführungen "oblating spheres" für 15 Streicher und Live Elektronik sowie "zero universe" für 15 Bläser zuwendet. Haltetöne wabern da durch den Saal - eher Klangfelder als thematische Gestalten. Wenn auch mit unterschiedlichen Instrumenten dargeboten, sind die beiden Uraufführungen doch nach einem ähnlichen Prinzip aufgebaut: Ein gemeinsam gespielter Ton fängt da plötzlich an zu wachsen und sich zu verdichten. Cello-, Geigen- und Kontrabass-Eruptionen tanzen umeinander wie glitzernde Kristallkörnchen, schneidende Flageolett-Töne gefrieren zu Eis. Nicht als lautstarke Krachorgie oder als Ode ans Chaos, sondern als minimalistische Beigaben.

Zum Abschluss gibt es noch eine audiovisuelle Performance mit dem Titel "Best Before Unu". Dabei sitzen Andreas Karoulanis (Live-Visuals) und Antonis Anissegos (elektronische Musik) unbeweglich hinter ihren Notebooks und lassen im schnellen Wechsel bunte Videosequenzen und elektronische Musik aufeinander prallen. Was sich zuweilen wie eine Konferenzschaltung anhört zwischen einer Großraumküche beim Geschirrspülen und einer Funkstation, ist das Ergebnis einer unkonventionellen, aber auf Dauer auch etwas einschläfernden Klang-Bild-Performance. Die Musik des 21. Jahrhunderts - das ist vielleicht das Erstaunliche an diesem Abend - kommt überraschend analog daher. Das Zeitalter der digitalen Revolution bleibt bis auf ein paar wenige Andeutungen ausgespart, Streich- und Blasinstrumente beherrschen die Szenerie.

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