Tübingen Sogar die Enten beruhigten sich

Komplexe Verfremdungen oder jazzige Grundnoten - bei der Tübinger Wassermusik gab es viel Beifall der über 400 Besucher für die ausgezeichnete musikalische Mischung.
Komplexe Verfremdungen oder jazzige Grundnoten - bei der Tübinger Wassermusik gab es viel Beifall der über 400 Besucher für die ausgezeichnete musikalische Mischung. © Foto: Simon Wagner
Tübingen / SIMON WAGNER 03.08.2015
Zur Tübinger Wassermusik am Freitagabend stiegen wieder über 400 Konzertgäste in schwankende Neckar-Boote. Sie ließen sich treiben vom Fluss und von der meditativ-jazzigen Formation "Echoes".

Bereits seit 2002 lockt eines der wohl atmosphärischsten Konzertereignisse im Land hunderte Zuhörer an. Jahr um Jahr verwandelt sich der Neckar, pünktlich zum Beginn der Sommerferien, in einen Konzertsaal. Die Gäste nehmen Platz auf schwankenden Stockerkähnen und lassen sich bis zur Bühne an der Casino-Landspitze bugsieren. Dort verankert und vertäut, lädt die Abendstimmung ein, das eine oder andere Glas Wein zu genießen, sich zurückzulehnen und sich dem Takt der wogenden Neckarwellen anzuvertrauen - oder aber wie am Freitag, den nicht minder einladenden Takten des Projekts "Echoes".

Das gleichnamige Improvisationsduo, bestehend aus Dizzy Krisch (Vibraphon) und Dieter Schuhmacher (Percussion) ergänzte das Duo Kayu mit Karoline Höfler (Kontrabass) und Jochen Feucht (Sopransaxophon). Stehen die einen für komplex angelegte, midi-gesteuerte Verfremdungen der elektronischen Art, steuern die anderen der jazzigen Grundnote rein akustische Töne bei. Und wie so oft: Die Mischung macht's. Der Sound jedenfalls, den der Abendwind über die leise schwankenden Boote wehte, sollte sich als perfekt geeignet für eine Vollmondnacht auf dem Fluss herausstellen. War der Beginn zunächst lässig-leicht, fast besinnlich, stieg die Pulsfrequenz der Musiker in der Folge deutlich an. Zu Tage traten ungewöhnliche Strukturen, die durch einen unermüdlichen Spieltrieb gekennzeichnet waren. Seltsam entrückte Tonaufnahmen von Wassertropfen oder von Vogelgezwitscher im Wald bildeten den tönenden Klangteppich, den die Musiker mit versierter Spielkunst veredelten. Sie schufen Klangkosmen, die schleichend, mal kraftvoll und energetisch aufstampfend, das Beste aus der elektronischen und akustischen Welt miteinander verbanden. Der Gegensatz zwischen Kultur und Natur ist dem Projekt dabei nicht Hindernis, sondern sinngebender Auftrag.

Unter den Bootsbesatzungen taten die teils sphärisch daherkommenden Klangkonstellationen ihre Wirkung. Geschlossene Augen, wiegende Köpfe, umschlungene Paare. Sogar die zunächst aufgeregt quakenden Enten beruhigten sich, so schien es, unter dem Einfluss der sensiblen Arrangements. Stille, um die Ralf Wenzel, zweiter Vorsitzender des veranstaltenden Clubs Voltaire, die Gäste während der kurzen Pause anhielt. Die Geste, zu Gunsten von Bootsflüchtlingen, wurde mit Applaus aufgenommen.

Beifall erntete am Ende auch die Formation "Echoes". Als der helle Vollmond über dem seicht dahin schwappenden Wasser stand, verabschiedeten sich die Musiker mit der Variation eines Klassikers: Louis Armstrongs "What a wonderful world". Treffender hätte man den Abend nicht beenden können.