Reutlingen So fühlt sich Glück an

Riesenjubel bei den Kroaten, nachdem Mario Mandzukic den Siegtreffer gegen England im Halbfinale erzielt hat.
Riesenjubel bei den Kroaten, nachdem Mario Mandzukic den Siegtreffer gegen England im Halbfinale erzielt hat. © Foto: Gabriele Böhm
Reutlingen / Von Gabriele Böhm 13.07.2018

So sieht Glückseligkeit aus. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die kroatische Nationalmannschaft das Finale der Fußball-WM erreicht.

Am Mittwochabend siegte sie mit 2:1 über England. Für die vielen Fans, die in der Gaststätte „Split“ das Spiel auf zwei Großleinwänden verfolgten, ein Grund, ausgelassen zu feiern. Viele Nationalitäten sind vertreten, alle schauen auf Kroatien.

Im „Split“ wurde das Spiel unten auf der Terrasse in einer Übertragung des ZDF gezeigt und parallel oben in einem Großzelt die Version eines kroatischen Senders, die einige Sekunden Verzögerung hatte. Das hatte zur Folge, dass die Hardcore-Fans im Zelt durch die Rufe und Schreie nebenan immer schon vorher wussten, wie eine Aktion ausgehen würde. Der nervenzerreißenden Spannung, die die ganze Zeit über herrschte, tat das keinen Abbruch. Überall sah man Fahnen und Schals in Rot-Weiß.

Mandzukic hoch im Kurs

Hoch im Kurs standen Trikots von Mario Mandzukic, der Legende, dem Kämpfer, der als Flüchtling zunächst in Ditzingen und heute bei Juve spielt, und selbstverständlich von Mittelfeldspieler Ivan Rakitic, unter Vertrag beim FC Barcelona. Durch Andrej Kramaric (1899 Hoffenheim), Marko Pjaca (Schalke O4) und Tin Jedvaj (Bayer Leverkusen) im Kader schien Deutschland zumindest noch ein Stück weit an der WM beteiligt. Verteidiger Domagoj Vida (heute Besiktas) war früher bei Leverkusen, Milan Badelj beim HSV.

„Unsere deutschen Freunde drücken uns mit Sicherheit die Daumen“, sagte der Gaststätteninhaber Deni Tolic. „Es war immer so: Wenn Kroatien rausflog, waren wir alle für die deutsche Mannschaft, und jetzt ist es umgekehrt.“ Fußball verbinde. „Durch die WM vergisst Kroatien alle Probleme“, erzählt Drazan Filipovic, Freund des Hauses. Kroatien sei immer schon Geheimfavorit gewesen, und endlich passe mit Zlatko Dalic auch der Trainer. „Im kroatischen Fußballbund gab es Korruption, aber durch die Mitgliedschaft in der EU haben sich auch die juristischen Verhältnisse geklärt. Ruhe ist eingekehrt“, sagt Filipovic. „Man sieht im Fußball wieder eine Fröhlichkeit wie 1996, als Kroatien das erste Mal bei der EM als eigenständige Mannschaft dabei war.“ 1998 gab es den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft. Die staatliche Fußballförderung sei jedoch nicht mit Deutschland, Belgien oder den Niederlanden zu vergleichen.

Von den Folgen des Krieges habe sich die Infrastruktur noch nicht wieder erholt. Und 2018? „Wenn wir heute gegen England verlieren, werden wir trotzdem stolz auf unsere Mannschaft sein“, sagte Filipovic, vor dem Spiel. Er trägt eine Badekappe, um die Energie der 2017 von Kroatien gewonnenen WM im Wasserball in das Halbfinale zu tragen. „Es gibt Sliwowitz für alle, wenn wir gewinnen“, verspricht Deni Tolic.

Doch am Anfang sieht es nicht danach aus. Schockstarre, als Kieran John Trippier den kroatischen Torwart Danijel Subasic in der fünften Minute überwindet und England zum 1:0 schießt. Die Fans „oben“ haben schon von „unten“ gehört, was kommen wird. Doch das Spiel ist noch jung und nichts verloren. Das Match ist schnell und spannend, beide Strafräume sind reichlich frequentiert. Kroatien hat Eckbälle, die Fans erheben sich, sind angespannt, so, als ob sie selbst auf dem Feld stehen würden. Das Team hat an diesem Abend Millionen Unterstützer. Fangesänge setzen ein, es muss doch was gehen! Für die Parade von Subasic gibt es Beifall. Auch für England geht es um viel, das zuletzt 1966 die WM gewann. Doch das interessiert hier niemanden.

Singen, um der Mannschaft zu helfen

In der Pause steht es immer noch 1:0 für England, das stärker in die Defensive gedrückt wird. In der 68. Minute dann Schreie und unbeschreiblicher Jubel der ZDF-Gucker! Ivan Perisic schafft den Ausgleich! Alles ist wieder offen: Jetzt wird bei den Fans das Bier warm und das Essen kalt. Es geht in die Verlängerung. „Wenn es ein Elfmeterschießen geben sollte - warum nicht?“ meint Security-Mann Marijan Blazicevic. Damit habe man sich schon gegen Dänemark und Russland durchgesetzt. In der 82. Minute schießt nochmal das Adrenalin bei einer Riesenchance von Mandzukic. Viele springen auf, doch aus dem Tor wird nichts.

Also muss man nochmal singen, um der Mannschaft zu helfen. Auch in der Pause der Nachspielzeit wird gesungen - kroatische Lieder, laut und kräftig. Die Nervosität wird immer größer. Längst haben sich alle „unten“ beim schnelleren ZDF vereint. Dann fällt der 2:1 Siegtreffer. Vorbereitet von Perisic ist es Mandzukic, der in der 109. Minute alle Träume erfüllt und die kroatischen Fans in einen euphorischen Taumel ausbrechen lässt. Jetzt heißt es zittern, denn die Partie ist noch nicht zu Ende, und es gibt unglaubliche vier Minuten Nachspielzeit. Doch alles ist gut. Kroatien steht im Endspiel gegen Frankreich. Die Fans fallen sich in die Arme, hüpfen, folgen der Choreographie, die von einer Leiter aus dirigiert wird. Minuten später hat sich in der Innenstadt bereits ein hupender Korso formiert (siehe den Polizeibericht in der Infobox).

Kroatische Fans feiern mit Autokorso

Zahlreiche Fans feierten am späten Mittwochabend den Einzug der kroatischen Mannschaft in Finale der WM. Knapp 1800 kroatische Fans zogen den polizeilichen Schätzungen nach unmittelbar nach Spielende aus verschiedenen Reutlinger Gaststätten über die Wilhelmstraße in Richtung Karlstraße, um den sich bildenden Autokorso mit etwa 200 Fahrzeugen zu beobachten. Da immer mehr Fans auf die Straße drängten wurde die Karlstraße kurz nach Beginn für etwa 45 Minuten voll gesperrt und der Verkehr umgeleitet. Nachdem sich der Korso auflöst hatte zogen etwa 300 kroatische Fans zum Marktplatz und feierten dort bis etwa 0.30 Uhr weiter. Insgesamt zeigten sich die Einsatzkräfte mit dem friedlichen Verlauf zufrieden. 

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