Es ist erstaunlich, was in der Musiklandschaft um Reutlingen und Tübingen während der vergangenen Jahre und Jahrzehnte herangewachsen ist. Von unten her haben sich neue Orchester gebildet, bestehend aus Liebhabern jeden Alters, die gemeinsam klassische Musik machen. Im Fall des Reutlinger Kammerorchesters hat sich aus der Streicherbesetzung durch die Einbindung von Bläsern unter Robert Wielands Leitung mittlerweile ein festes Sinfonieorchester etabliert, für das ein neuer Name fällig wäre - vorläufig wird das "O" in "KammerOrchester" groß geschrieben.

Mit wieviel Liebe und Sorgfalt gearbeitet wird, ist schon am vorbildlich gestalteten Programmheft zu sehen. Aber auch die Aufführung selbst sprach für eine intensive Auseinandersetzung mit den Partituren: Wo man eigentlich mit technischen Unzulänglichkeiten rechnen musste, wurde sauber musiziert. Gioacchino Rossinis Ouvertüre zur Oper "Semiramis" etwa, die den Auftakt bildete, gelang bemerkenswert sicher. Zwar nicht ganz so leichtfüßig wie bei den Profis, doch mit harmonischem Hörnerklang und großem Schwung zum Ende hin.

Die nordischen Stimmungen des Edvard Grieg liegen dem Ensemble offenbar besser als die Italianità. Die zweite Peer-Gynt-Suite überzeugte mit starken Kontrasten, satten dunklen Farben und detailreich gestalteter Dramatik, beschlossen von "Solveigs Lied", dessen Innigkeit mit viel Wärme und Gefühl zur Geltung gebracht wurde.

Einen Höhepunkt vor der Pause bildete Griegs "Huldigungsmarsch" aus der Suite "Sigurd Jorsalfar": Er wurde nicht nur souverän in Szene gesetzt vom Gesang der Celli bis zum grandiosen Finale, sondern überzeugte auch mit durchgehendem, mitreißendem Schwung.

Was sich unangenehm bemerkbar machte, war die typische Kirchen-Raumakustik. Kleine und Streicher-Besetzungen klingen natürlich; sobald aber volle Kraft einschließlich Bläsern und Schlagwerk angesagt ist, wird der Gesamtklang gellend verfärbt. Gerade für den zweiten Programmteil, der von Ludwig van Beethovens Konzert für Violine, Violoncello, Klavier und Orchester ("Tripelkonzert") ausgefüllt wurde, wünschte man sich einen geeigneten Konzertsaal. Schon des Zusammenspiels wegen: Wie konnten Solisten, Dirigent und Orchester - teils ohne Blickkontakt - kommunizieren? Die Musizierenden trotzten den schwierigen Verhältnissen in der Kreuzkirche mit so viel Spielfreude und Präzision, dass man übersinnliche Fähigkeiten vermuten durfte. Mit den drei Solisten aus Tübingen waren kompetente Könner engagiert. Kein Wort braucht mehr über Julia Galic verloren zu werden, die auch hier als exzellente Geigerin überzeugte. Ihr zur Seite Gregor Pfisterer, der am Cello trotz kleiner Intonationstrübungen Kraft und Ausdruck zum dramatischen Gesamtbild beisteuerte, dem Tanja Morozova am Flügel Glanzlichter perlender Virtuosität aufsetzte.

Bremsten etwa die ungünstigen Umstände den Höhenflug? Fast zu schwer lastete oft das sinfonische Gewicht an den Solisten. Am ehesten konnten sie sich im langsamen Mittelteil und stellenweise im tänzerischen Rondo von der Schwere befreien, die dieser Darbietung anhing und an das überholte Bild vom tragischen Titanen denken ließ. Immerhin: für ein noch junges Laienorchester eine außergewöhnliche Leistung, die vom Publikum mit viel Interesse und Beifall gewürdigt wurde.