Pavel Kohout? War das nicht ein bekannter Autor? Ja - allerdings tragen viele Tschechen diesen Nachnamen ("Hahn"). Diesen Pavel Kohout nun kennt Orgelsommer-Leiter Torsten Wille von früher, von Wettbewerben her, als profilierten, international engagierten Organisten. Zu Kohouts Lehrern zählt Jaroslav Tuma, der 2003 im Reutlinger Orgelsommer gastierte.

Kohout kombinierte Werke von Bach mit spätromantischer Orgelsinfonik in Form selten, ja neu zu hörender Stücke. Einen brillanten Auftakt bot er mit der lange Bach zugeschriebenen "Fantasia" in G-Dur, geläufig, taktfest, "pianistisch". Innere Ruhe und Klarheit prägten - trotz flinker Virtuosität - sein Spiel, die Strukturen waren deutlich nachvollziehbar, auch manch unbachische Schwäche des Tonsetzers.

"Richtiger" Bach folgte mit der Choralpartita über "Ach, was soll ich Sünder machen" (BWV 770) - mit ihrem überbordenden Ideenreichtum eigentlich fast eine Fantasie. Hier nutzte Kohout das zweimanualige Spiel, um Bachs frühe Meisterschaft farb- und kontrastreich und mit jugendlichem Schwung auszugestalten. Wie mit spitzem Silberstift zog er die Figurationen nach, den Cantus firmus ornamentierte er mit stilgerechten Auszierungen.

Was hätte Bach zur Übertragung seiner Orchesterwerke auf die Orgel gesagt? Der Italiener Omar Caputi hat das 3. Brandenburgische Konzert entsprechend arrangiert, Pavel Kohout setzte es mit großem Können um: als vielstimmiges Feuerwerk, Klangrausch mit gleichmäßig vorwärtstreibender Motorik in den Ecksätzen, atmenden Solostimmen im kurzen Mittelteil und trotz allem hoher struktureller Transparenz; nicht als "Nähmaschinen-Barock", sondern als Sechszylinder-Orchesterkonzert auf der Orgel. Ganz andere, subtilere Klangerlebnisse vermittelte César Francks Fantaisie A-Dur (1878). Franck bezog Dynamik, Raumwirkung und Registrierung in die Komposition mit ein, und Pavel Kohout überführte das Ganze mit sicherer Hand und wachem Sinn für Nuancen und Details in eine Sinfonie von Farbe, Raum und Klang, als wäre die Rieger-Orgel eine von Cavaillé-Coll.

Orgelsinfonik gab es nicht nur in Frankreich: Der tschechische Komponist Josef Klicka etwa schuf eine Konzertfantasie über Themen der Sinfonischen Dichtung "Vysehrad" von Bedrich Smetana, dem ersten Teil des Zyklus "Má vlast". Sie wirkte unter Kohouts kundigen Händen wie eine Improvisation, doch der heroische Tonfall der Vorlage kam auch hier zur Geltung: mit dem majestätischen Kernmotiv und einer mächtig gesteigerten Schluss-Apotheose, kontrastiert durch die Arpeggien des Barden und die anmutigen Wellen der Moldau. Dem lebhaften Applaus folgte die virtuose "dorische" Bachsche Toccata als Zugabe. Wer sich auf das musikalische Farbenspiel konzentrieren wollte, hatte es schwer, denn Hör- und Sichtbares wetteiferten um die Priorität der Wahrnehmung. So tat Lichtkünstler Holger Herzog gut daran, seine Lichtregie auf sorgsam platzierte Highlights in wenigen Farbtönen zu konzentrieren, die in kontinuierlicher Folge und wechselnden Farbtönen durch den Kirchenraum wanderten und die Architektur - wieder einmal - neu erleben ließen. Erst bei der Zugabe griff er tief in den elektrischen Farbtopf und ließ den Abend in spektakulärem Übergang von Pink und Rosa zu leuchtendem Rot ausklingen.

Ein Blick aufs weitere Programm des Orgelsommers

· 15. August, 20 bis 24 Uhr, Marienkirche Reutlingen: Konzert + Orgelnacht;

· 22. August, 20 Uhr, Evangelische Kirche Gönningen: Michal Markuszewski;

· 5. September, 20 Uhr, St. Peter und Paul Reutlingen: Simon Reichert.

SWP