Reutlingen Sie ist die Seele einer fairen Welt

Ulrike Hotz verliest Maria Schwarz die Ehrungsurkunde Foto: Anne Leipold
Ulrike Hotz verliest Maria Schwarz die Ehrungsurkunde Foto: Anne Leipold
Reutlingen / ANNE LEIPOLD 01.10.2012
Seit 18 Jahren gehört Maria Schwarz dem Vorstand des Eine-Welt-Vereins an und baute dessen Laden mit auf. Für ihr ehrenamtliches Engagement wurde sie jetzt mit der Landesehrennadel ausgezeichnet.

Sie ist die dynamische Mitte, der Motor und die Triebfeder, das Kummerkästchen, Impulsgeberin: "Du bist das Zentrum, wenn es dir im Grund auch nicht behagt", sagte Dorothea Ziegler, "auch sonst bist du immer unsere Mitte, du bewegst dich mit uns, gibst Anstöße, immer im Blick auf das gemeinsame Ziel - mehr Gerechtigkeit".

Sie kann zupacken, hinschauen und zuhören, sie hat ein unvergleichliches Gespür für Menschen: Das macht Maria Schwarz so wichtig für den Eine-Welt-Verein und den Weltladen und so liebenswert für die Mitglieder. Seit der Geburtsstunde des Vereins 1993 und des Ladens ein Jahr später ist sie hier ehrenamtlich voll engagiert, seit 2004 übernimmt sie vernetzende und organisatorische Aufgaben, erstellt die Dienstpläne für rund 70 ehrenamtliche und vier hauptamtliche Mitarbeiter im Laden. "Sie haben den Weltladen schrittweise zu einem florierenden Geschäft aufgebaut", würdigte Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz Einsatz, Tatkraft und Führungsqualitäten. Und: "Sie sind sozusagen die Seele des Ganzen."

Eigentlich sollte an diesem Abend mit dem Sommerfest des Vereins der 80. Geburtstag von Maria Schwarz gefeiert werden. Die Tische wurden zauberhaft von Ziegler und Heike Gauermann dekoriert: Origami-Kraniche, Blumenpracht, Lebensstationen von Schwarz als Platzkarten. Yara Speitmann von der Musikschule spielte zwei eigene Lieder: "Sunny Day" und "Let it go" und das Büfett bog sich unter den mitgebrachten Speisen. Ulrike Hotz würdigte den Verein, dem zu verdanken ist, dass Reutlingen sich seit Mai "Fair-Trade-Town" nennen darf. Und verriet den Grund ihres Kommens: "Sie stehen heute im Mittelpunkt", sagte sie zu Schwarz, "das hängt mit ihrem Geburtstag zusammen, vor allem aber mit ihrem langjährigen Engagement". Für viele Menschen sei sie ein Vorbild, lobte Hotz und überreichte der Jubilarin die Landesehrennadel.

Maria Schwarz kann auf eine langjährige Laufbahn zurückblicken. Als 16-Jährige zog sie jeden Monat von Haus zu Haus und sammelte von den Gemeindemitgliedern 50 Pfennig ein. Ein neues Gemeindehaus sollte gebaut werden. "Das war mein erstes Ehrenamt", erzählt sie. Neben ihrem christlich-pietistisch geprägtem Elternhaus brachte der Pfarrer, der sie konfirmierte, das Ehrenamt in ihr Leben.

Der Dienst an Anderen sowie Gremienarbeit bestimmte Schwarz Leben, die 1961 ihre Ausbildung zur Wohlfahrtspflegerin abschloss und später ihr Diplom als Sozialarbeiterin nachholte. Sie war die letzten 13 Jahre ihres Berufslebens Leiterin der diakonischen Bezirksstelle Reutlingen. Mit dem Ruhestand 1993 endete dieses Engagement nicht, sie kam zum Eine-Welt-Verein. Entwicklungsarbeit war ihr schon immer wichtig. Damit kam sie 1970 das erste Mal in Berührung, als sie mit ihrer Schwester und einer Lehrerin in einem VW-Käfer in Afrika einen "unbeschwerten Urlaub" verbrachte, aber den Beginn der Unruhen in Uganda noch miterlebte.

Hier machte sie erste Erfahrungen, wie sich der Kolonialismus noch auswirkte. Das Geschehen in Uganda ließ ihr Herz bluten, sagt sie. Viel ist sie schließlich gereist, holte sich dabei viele wichtige Impulse. In Togo erhielt sie die wichtige Erkenntnis, dass nachhaltige Entwicklungshilfe nur funktioniere, wenn die Einheimischen in die Projekte miteinbezogen werden. Sie engagiert sich voller Hingabe für das Projekt "Pidecafe" ihres Neffen Rudolf in Peru, scheute die Beschwernisse einer Reise in die Tropen nicht. Sie spendete ihr gesamtes Geburtstagsgeld an das Aids-Projekt ihrer Schwester. Die Geldgeschenke des Abends fließen ebenfalls in das Projekt des Neffen.

Sie sei die "Familientante für die nächste Generation", erzählt sie lächelnd. Zu vielen ihrer 22 Neffen und Nichten sowie 46 Großneffen und -nichten hat sie einen ganz guten Kontakt, viele ihrer Reisen verbindet sie mit Familienbesuchen. Sie sind es auch, die sie jung halten, der Kontakt wäre für sie ein großer Verlust. Sie ist politisch interessiert, informiert sich, demonstriert, dieses Wochenende erst wieder in Stuttgart zu "S 21". Ein Geburtstagsgeschenk freut sie daher besonders: Die Originalausgabe des Berliner Tagblattes vom Tag ihrer Geburt am 18. September 1932, darin enthalten Leserzuschriften zu dem Thema: "Erziehung gegen den Krieg: Die Macht der Massen - und die des Einzelnen". Wenn sie erzählt, leuchten ihre Augen, sie strahlt so viel Lebensfreude, Kraft und Stärke aus. Obwohl es an dem Abend um sie geht, erzählt sie viel von der Hilfe für andere. Sie sagt, sie schaue auf ein ausgefülltes Leben zurück und lässt es nun etwas langsamer angehen: "Jetzt kann ich auch ruhigere Zeiten brauchen."

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel