Immer schon hatte Julia Besemer Spaß an der Arbeit mit Menschen. Deshalb begann die 19-jährige vor eineinhalb Jahren damit, Praktika unter anderem im Seniorendomizil Haus Ursula in Pfullingen zu absolvieren. Diese mündeten jetzt in die Festanstellung in einer 50 Prozent-Stelle. Da Julia Besemer mit einer Lernbehinderung als schwerbehindert eingestuft ist, trat der Inklusionsfachdienst (IFD), der Mitglied des „plusEinhundert-Netzwerks Arbeit inklusiv“ ist, als Vermittler auf.

„Unser Ziel ist es, in den kommenden Jahren 100 neue Arbeitsplätze für Menschen mit wesentlichen Behinderungen auf dem Ersten Arbeitsmarkt zu schaffen“, erläutert Susanne Blum, Leiterin der Geschäftsstelle der Inklusionskonferenz im Landkreis Reutlingen. Denn Menschen mit Behinderung sollten laut UN-Behindertenrechtskonvention nachhaltig Teilhabe auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen.

„Während der Praktika habe ich verschiedene Bereiche im Haus Ursula wie Küchenarbeit, Betreuung und Pflege kennengelernt“, berichtet Julia Besemer. Sie und ihre Mutter Heike Brandt fragten den Leiter der Einrichtung, Nedjeljko Tosic, ob dort auch eine feste Stelle denkbar sei. „Da wir Julia kannten und wussten, dass wir gut mit ihr zusammenarbeiten können, haben wir diese Stelle geschaffen“, so Tosic.

„Julia kommt gut bei den Heimbewohnern und Kollegen an und macht alles sehr gewissenhaft.“ Sie habe „einfach ein Händchen für Menschen“, sei hilfsbereit und ein vollwertiges Teammitglied. „Sie kann Beziehungen aufbauen und bewirkt allein durch ihre Anwesenheit Positives.“ Ein Glücksfall sei auch die sehr gute Kommunikation mit dem Elternhaus. So sei gewährleistet, dass Julia über alles gut informiert sei. „Man muss hinspüren, wo die jungen Leute arbeiten möchten“, so Heike Brandt.

In Zusammenarbeit mit dem Integrationsamt seien die Rahmenbedingungen für die Stelle geschaffen worden. „Die Kosten werden von der Agentur für Arbeit, dem Integrationsamt und dem Landkreis getragen“, sagt Rainer Dibbern vom IFD. Die Förderung sei mit einem Umfang bis zu 70 Prozent der Lohnkosten für die Dauer von fünf Jahren möglich. Danach gebe es eventuell eine neue Bemessung der Fördergelder, das müsse man abwarten. „Die Fördergelder kommen aus der Ausgleichsabgabe und sind dazu da, um mögliche Leistungseinschränkungen zu kompensieren.“

Häufig müsse jeder Arbeitsvorgang genau erklärt und in den Betrieben erst die Struktur für eine integrative Stelle geschaffen werden. „Ich brauche beispielsweise Unterstützung bei den Dienstplänen oder beim Ausfüllen der Urlaubsanträge“, berichtet Julia Besemer. Als hauswirtschaftliche Helferin bereitet sie die Mahlzeiten vor, deckt die Tische ein, begleitet die Heimbewohner zu Aktivitäten oder geht, wenn dafür Zeit ist, mit ihnen spazieren und kontrolliert, ob auf den Zimmern alles in Ordnung ist. „Sie kommt sehr gut mit klaren Arbeitsschritten zurecht“, so Tosic. Da Julia eine geringere Belastbarkeit bei Stress aufweise, sorge das Team dafür, dass sie weniger Stress ausgesetzt sei.

Mit der Einrichtung solcher Stellen habe man durchweg positive Erfahrungen gemacht, so Dibbern. Über 70 Prozent der Arbeitsplätze, die man im Laufe der Zeit eingerichtet habe, bestünden noch. Jährlich würden bis zu zehn Stellen im Landkreis Reutlingen geschaffen. Sie seien in Seniorenheimen, Küchen, im Einzelhandel, in Schreinereien, Bäckereien oder bei Malern angesiedelt. Auch die Arbeitgeber seien sehr zufrieden. „Sie sagen uns, es sei sehr einfach für sie. Sie müssten nicht einmal selbst die Förderanträge ausfüllen. Und sollte es einmal nicht mit dem Arbeitnehmer klappen, wäre das auch kein Problem“, berichtet Antje Arntz vom IFD. Sie ist auch die Kontaktstelle für interessierte Arbeitgeber.