SEITENBLICKE: Vielfarbige Symphonien im Lautertal

ARMGARD DOHMEL 27.08.2013

Was in jüngeren Jahren selbstverständlich war, wird mit zunehmenden Alter immer weniger und man beginnt, an sich und seiner Kraft zu zweifeln. So ging es mir auch mit meiner diesjährigen Radtour durchs Lautertal: Ich schob sie vor mir her in der leisen Angst, sie nicht mehr zu schaffen. Vielleicht mache ich mir auch zu viele Gedanken und baue dadurch erst Ängste auf, anstatt die Dinge einfach mit Mut und Selbstvertrauen in Angriff zu nehmen.

Schließlich habe ichs auch in diesem Jahr wieder geschafft - und es ging erfreulich problemlos. Zuerst musste ich wie üblich meinen Kleinwagen für den Radtransport präparieren und den Beifahrersitz ausbauen. Da ich den Sitz dahinter längst entsorgt habe, kann ich mein Fahrrad so bequem ins Auto schieben und mit Gummibändern sicher befestigen - was auf Anhieb klappte.

Der Morgen am 20. August ist schon herbstlich kühl und im Gras schimmern Tautropfen. Ich habe mein Auto wieder in Offenhausen abgestellt und gehe den vertrauten Weg zur Lauterquelle, die still vor sich hinträumt. Auch dem Klostergarten mit den verschiedenen Kräutern, aus denen die Mönche schon vor 1000 Jahren ihre Heilmittel fertigten, widme ich ein wenig Zeit, bevor ich aufs Rad steige.

Der Weg ist mir von früheren Jahren so vertraut, dass es sich anfühlt wie "Heimkommen". In Marbach sind die "Markenzeichen" des Ortes - die Pferde - überall sichtbar und hörbar. Ich rolle vergnügt vor mich hin und genieße die flotte Fahrt auf der leicht abfallenden Strecke.

Der Rückweg ist dafür etwas mühsamer. Nach und nach bekomme ich auch mehr "Gesellschaft" auf dem Radweg: Ferienbedingt sind meistens Eltern oder Großeltern mit Kindern unterwegs, aber auch ältere Paare und gelegentlich auch einige flotte Sportradler, die im Vorbeisausen den Schotter aufspritzen lassen.

Überhaupt radeln die meisten Leute schneller und ich werde häufig überholt. Doch wenn ich bedenke, wie viele aus meiner Altersgruppe nicht mehr Rad fahren - ja, wie viele überhaupt nicht mehr leben, bin ich nur noch zufrieden und glücklich.

An der Burgruine Bichishausen kann ich auch diesmal nicht vorbeifahren und steige den steinigen, vom Regen ausgewaschenen Pfad hoch. Oben an der Burgmauer fasziniert mich wie jedes Jahr der Blick auf Flüsschen und Straße im Tal und auf die Wacholderheide gegenüber.

Beim Zwölfuhrläuten fahre ich in Gundelfingen ein und halte Kurs auf das "Bauhofstüble", wo ich zur Mittagsrast im bunten Bauerngarten einkehre, einen schwäbischen Wurstsalat und ein "Radler" bestelle. Leider freuen sich auch die Wespen über den schönen Spätsommertag und wollen unbedingt von meinem leckeren Essen kosten.

Gestärkt fahre ich weiter, vorbei an Bauerngärten in vielfarbiger Symphonie aus Stockrosen, Phlox, Dahlien, Königskerzen und vielen anderen Blumen. Am Wegrand sehe ich ferner blühendes Johanniskraut und hie und da auch noch reife Himbeeren: Auf der rauen Alb ist ja die Natur um einige Wochen später dran als im Tal.

In Anhausen habe ich schließlich meinen "Wendepunkt" erreicht, mache ein Foto von drei weißen Eseln auf einer Weide und von der düsteren Ruine Schülzburg. Dann schicke ich mich an, die gleiche Strecke wieder zurückzuspulen.

Das ist keinesfalls langweilig, denn ich sehe ja nun alles aus der umgekehrten Perspektive. Inzwischen hat sich die Sonne hinter düsteren Wolken versteckt und der Wind frischt auf.

In Buttenhausen gönne ich mir eine Kaffeepause im "Café Ikarus", das von Behinderten gemeinsam mit ihren Betreuern betrieben wird. Kurz vor 17 Uhr habe ich mein Auto in Offenhausen erreicht. Der Radcomputer zeigt 55,6 Kilometer Fahrstrecke an. Ich fühle mich noch erstaunlich fit und könnte weitermachen - doch zum Glück muss ich niemand etwas beweisen!