SEITENBLICKE: Lebensabschnitts-Müll

ARMGARD DOHMEL 02.01.2014

Seltsam - in der Zeit, die man so malerisch "zwischen den Jahren" nennt, erwacht bei mir immer das Bedürfnis, zu räumen und meine Besitztümer zu ordnen. Nicht dass das unnötig wäre - ganz im Gegenteil: Wer wie ich Krieg, Vertreibung und die entbehrungsreichen Jahre danach miterlebt hat, kennt sicher auch diesen Drang, vieles Unnötige aufzuheben, das man vielleicht irgendwann doch noch einmal brauchen könnte.

Langsam wird jedoch die noch vor mir liegende Zeit immer überschaubarer und damit überwiegt die Erkenntnis, dass die meisten der gehorteten "Wertsachen" überflüssig sind.

Dazu kam in diesem Jahr noch dieser wohlbekannte, widerliche Infekt mit Schnupfen und all seinen lästigen Begleiterscheinungen, der mich in die Wohnung verbannte.

Da Weihnachten wieder einmal hinter uns liegt, beschloss ich, die dazugehörige Dekoration wegzupacken. Also legte ich das Plastik-Tannenbäumchen samt den Sternen und Engeln, die es geziert hatten, vorsichtig in eine Schachtel und brachte sie in den Keller.

Als ich sie in den alten Küchenschrank stellte, der Kram aller Art enthält, fiel mein Blick auf den kleinen Karton mit ungeordneten alten Fotos, der seit meinem Einzug vor 18 Jahren an gleicher Stelle steht. Das wäre doch ein guter Anfang, dachte ich - und nahm ihn gleich mit nach oben.

Die nächste Stunde war ich nun gut beschäftigt: Das waren nicht nur einfach Fotos, sondern hier lag mehr als ein halbes Jahrhundert meines Lebens vor mir! Viele der alten Schwarzweißbilder waren schlecht, verschwommen, verwackelt; die "guten" haben schließlich schon früher ihren Weg in die entsprechenden Alben gefunden, die ich allerdings praktisch nie anschaue.

Meine Reisen mit der Katholischen Jugend Ende der 50er Jahre waren hier dokumentiert ebenso wie meine damaligen Freundinnen, unser Jugendkaplan "Ferdl" und die Mädels aus der von mir geleiteten Jugendgruppe. Da gab es Fotos von Radtouren, von einer internationalen Freizeit auf Burg Gutenfels am Rhein - und später der "Ernst des Lebens": Hochzeit, die beiden Kinder als Babys, mein verstorbener Exmann.

Wie immer, kamen mir bei seinem Anblick die Tränen. Ich glaube, das hört nie auf. Und auch einige Abzüge meines "Starfotos", das ich 1964 in einem richtigen Atelier machen ließ als Geschenk an meinen damaligen Schwarm, waren darunter. Weiter blickten mich eigene Passbilder in verschiedenen Stadien des Alterns sowie von meiner verhärmt blickenden Mutter und meinen Kindern als Teenager an. Ich ließ mir viel Zeit, jedes Bild genau zu betrachten, und bildete schließlich zwei Stapel: einen kleinen für die Bilder, die ich behalten wollte - und einen großen für den "Wegwurf".

Oje, in einem Plastikumschlag verbargen sich noch Dokumente eines etwas "schrägen" Kapitels meiner Vergangenheit mit dem "Lebensabschnittspartner", den ich nach der Trennung von meinem Mann kennen lernte. Davon wollte ich wirklich nichts aufheben!

Schnell holte ich Schere und Mülleimer und machte mich mit Eifer daran, die Fotos nach und nach zu zerschneiden und in die Mülltüte zu befördern. Seltsam - was vorher in der alten Schachtel nur wenig Raum eingenommen hatte, quoll nun zu einer ansehnlichen Masse auf. Auch damit war ich eine ganze Weile beschäftigt.

Auch meinen Schnupfen und den Ärger darüber hatte ich dabei fast vergessen. Als ich endlich das letzte Bild zerschnitten hatte, staunte ich, wie schnell der Nachmittag vergangen war.

Das war zwar nur ein kleiner Schritt hin zu mehr Ordnung und Übersicht, denn es gibt bei mir immer noch genug Ansammlungen unnützer Dinge. Aber nach vollendeter Arbeit hatte ich ein gutes Gefühl und war stolz auf mich. Irgendwann gehts wieder weiter - vielleicht in diesem Jahr 2014 "zwischen den Jahren"?

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