SEITENBLICKE: Leben ist Veränderung: Nichts bleibt, wie es war

ARMGARD DOHMEL 30.03.2012

Zurzeit finde ich es richtig spannend, mit dem Bus in die Stadt zu fahren: Das Stadtbild rund um ZOB und Tübinger Tor ändert sich praktisch täglich. Da ist zum einen der gigantische, alles beherrschende Bau der Stadthalle, der jeden Tag ein wenig mehr ahnen lässt, wie dieses künftige Reutlinger Wahrzeichen nach Fertigstellung Ende dieses Jahres aussehen wird. Noch lassen es Gerüste und Werbeplakate nicht so recht zur Geltung kommen - aber das ändert sich!

Auf der anderen Seite der Eberhardstraße nimmt das neue Bruderhaus-Pflegeheim ebenfalls immer gewaltigere Ausmaße an, überragt alles, was von der früheren Bebauung noch steht. Der Treffpunkt für Ältere, in dem ich an einem Kurs für Rheumasport teilnehme, verschwindet völlig dahinter und scheint sich ängstlich zu ducken neben dem neuen "Riesen".

Eine weitere Baustelle markiert den abgetragenen Teil des bisherigen Fußgängersteges am Tübinger Tor. Bagger haben mit viel Getöse den Steg in seine Einzelteile zerlegt, die aus Betonbrocken und einem Gewirr eiserner Verstrebungen bestehen. Vor ein paar Tagen ragten noch die massiven Fundament-Säulen wie Skelette in die Landschaft - jetzt sind auch sie platt gemacht. Die Berge aus Bauschutt werden auf Lastwagen verladen und abtransportiert. In kurzer Zeit wird man kaum noch ahnen, was viele Jahre den Platz vor dem Tübinger Tor bestimmte. Anstelle von Betonmauern und Treppenaufgängen wird dort vielleicht bald eine grüne Parkanlage mit Blumenrabatten und Bänken zur Rast nach dem Einkauf in der Innenstadt einladen - und es wird so aussehen, als wäre das schon immer so gewesen. Uns Reutlingern bleibt zwar noch für ein paar Jahre die vage Erinnerung an das, was früher hier stand - oder im Fall der Stadthalle: nicht stand. Doch für Fremde zählt nur, was sie sehen: das dann aktuelle Stadtbild.

Ich wundere mich immer wieder, wie schnell ich die über Jahre vertraute bauliche Situation vor einem Abriss und einer Umgestaltung vergesse. Oft bedauerte ich es, wenn alte Häuser neuen, wirtschaftlicheren Gebäuden weichen mussten. Doch kaum war der Neubau fertig, passte er sich ebenso oft nahtlos in die Umgebung ein und war kaum mehr daraus wegzudenken: Die Erinnerung an "vorher" war gelöscht. Allerdings geht es nicht immer so schnell mit dem Vergessen und manchmal ist auch etwas Bedauern dabei: Quer durch das Gelände, das jetzt die Stadthalle trägt, führte früher ein Rad- und Fußweg - für mich die schnellste Verbindung mit dem Fahrrad vom Hohbuch zur Innenstadt. Diesen so oft befahrenen Weg vermisse ich immer noch, und die Ersatzlösungen dafür überzeugen mich nicht. Die grüne, unbebaute Echazaue vor dem Krankenhäusle habe ich auch als ideal gelegenen Platz für Open-Air-Veranstaltungen wie das "Afrika-Festival", "Kultur vom Rande" oder den Weihnachtszirkus in guter Erinnerung. Doch ich weiß: Nichts bleibt, wie es einmal war und es hat keinen Sinn, der Vergangenheit nachzutrauern.

Nun beobachte ich gespannt, wie es auf den verschiedenen Baustellen weitergeht. Vor allem die fertige Stadthalle wird Reutlingen ein neues "Image" geben. Ich hoffe, dass sie nicht nur äußerlich, sondern auch von ihrem späteren Kulturprogramm her überzeugt. Ich habe sie für mich bereits im letzten Sommer "akzeptiert": beim Richtfest und dem Konzert der "Dicken Fische"!

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