Region SEITENBLICKE: Abstrakte Gemälde und "Spirits" auf der Alb

"Spirits" nennt "Müllkünstlerin" Sabine Dohmel ihre Werke.
"Spirits" nennt "Müllkünstlerin" Sabine Dohmel ihre Werke. © Foto: ad
Region / ARMGARD DOHMEL 02.12.2015
Vor kurzem war ich zur Vernissage einer Ausstellung in Winterlingen auf der rauen Alb eingeladen.

Vor kurzem war ich zur Vernissage einer Ausstellung in Winterlingen auf der rauen Alb eingeladen. Was dort in zwei Stockwerken des repräsentativen Gebäudes der Winterlinger Bank zu sehen ist, sind zum einen großformatige, aus Farbflächen und Ornamenten bestehende Bilder sowie zwei Bronzefiguren aus der Serie "Die Geweihten" eines bekannten Bildhauers und Malers, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Skulpturen von ihm aus Bronze und Marmor zieren Fußgängerzonen, Plätze und Brunnen einiger Städte, so in Riga, Stuttgart, München und Ebingen.

Zum anderen findet man im zweiten Stockwerk zwei Bilderreihen mit "Straßenkunst" oder "Müllkunst", wie ich es nenne. Hinter diesen Begriffen verbergen sich Gebilde und Figuren aus "Fundstücken" - verbogenen Drähten, plattgefahrenen Dosen, Glasscherben, Knochen, Fischgräten und ähnlichem Müll, wie ihn die Künstlerin in ihrer neuen Heimat Ecuador auf den Straßen findet. Mit viel Fantasie und Geschick hat sie daraus ihre kleinen Kunstwerke geformt, die sie "Spirits" nennt, und jedes ihrer Zufallsprodukte durch ein paar treffende Zeilen in englischer Sprache kommentiert. Die fragilen Figuren sind auf weißer Pappe in hölzernen Rahmen fixiert und so in ihrer Bewegung erstarrt.

Was ich mit dieser Ausstellung in Winterlingen zu tun habe? Ganz einfach: Die "Müllkünstlerin" Sabine Dohmel ist meine Tochter und der genannte Künstler seit rund einem Jahr ihr Lebenspartner. Kennen gelernt haben sich die Beiden in Vilcabamba im südamerikanischen Ecuador, wo sie ein Leben als "Aussteiger" zusammen mit vielen anderen Gleichgesinnten aus aller Herren (und Damen) Ländern führen. Meine Tochter war jahrelang auf diese Weise unterwegs - mit Rucksack und allein. Zuerst in Asien, dann in Nordamerika und von dort immer weiter in Richtung des wärmeren Südens. Nun - am Äquator - ist sie vorerst sesshaft geworden und die Liebe trägt hoffentlich ihren Teil dazu bei, dass es noch eine Weile so bleibt. Ich hatte sie vor fünf Jahren zum letzten Mal gesehen. In Mailkontakt waren wir immer, denn ich bin ja weitgehend für ihren Lebensunterhalt zuständig.

Ihr Künstlerfreund ist erst seit einem Jahr in Ecuador, er besitzt noch ein Haus und ein Atelier auf der Alb nahe Ebingen. Das war auch der Grund, warum die Beiden im Juni zu einem längeren Aufenthalt nach Deutschland reisten: Er wollte endlich wieder einmal "Kunst machen", wofür in seiner neuen Heimat die Voraussetzungen (noch) nicht gegeben sind. Und er war in den vergangenen Monaten sehr fleißig - bis ihn ein Sehnenriss in der Schulter ausbremste. Denn eigentlich war eine große Atelier-Ausstellung geplant, die nun eben in sehr verkleinerter Form in die Winterlinger Bank verlegt wurde. Da der Rückflugtermin bereits seit langem festliegt, war eine Verschiebung nicht mehr möglich.

Für den Künstler steht fest, dass er nächsten Sommer wieder in seine alte Heimat kommt und dort weiter arbeitet, wo er jetzt aufhören musste. So kann ich hoffen, bei dieser Gelegenheit auch meine Tochter wiederzusehen. Und vielleicht gelingt es ihr, bis dorthin in Vilcabamba ihre neu entdeckte "künstlerische Ader" weiter auszubauen. Das "Material" dazu liegt in Ecuador auf der Straße. In Deutschland - und vor allem im Schwabenländle mit seiner Kehrwoche - seien die Straßen zu sauber, beklagte sie sich, da finde man diese Art von Müll nicht, wie sie ihn für ihre "Spirits" braucht. Die Ausstellung in der Winterlinger Bank ist übrigens weiterhin zu den üblichen Öffnungszeiten zu besichtigen.