Reutlingen Seelenvolle Melancholie

Sanfte Übergänge, samtige Klänge: Das David Orlowsky Trio und die Württembergische Philharmonie konzertierten in der Listhalle. Foto: Marinko Belanov
Sanfte Übergänge, samtige Klänge: Das David Orlowsky Trio und die Württembergische Philharmonie konzertierten in der Listhalle. Foto: Marinko Belanov
Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 31.03.2012
Ein besonderes Konzert mit individueller Note: der gemeinsame Auftritt des David Orlowsky Trios mit den Streichern der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, geleitet von Ruben Gazarian.

Manchmal wird die beliebte Werkkonzertreihe der Philharmonie zum grenzüberschreitenden Experimentierfeld mit anderen Musikstilen und interessanten Gästen, das zahlreiche neue, auch jüngere Zuhörer anzieht. So auch dieses Mal: Gemeinsam mit den Orchester-Streichern stand das David Orlowsky Trio auf der Bühne, 1997 gegründet von dem jungen Tübinger Klarinettisten dieses Namens. Zusammen mit seinen Partnern Jens-Uwe Popp (Gitarre) und Florian Dohrmann (Kontrabass) hat er sich einer selbst kreierten Musik verschrieben, die er "Kammerweltmusik" nennt. Dafür wurden die Musiker 2008 und 2011 mit dem ECHO-Klassik-Preis ausgezeichnet.

Wichtig für den Stil des Trios ist Klezmer, die traditionelle Musik der osteuropäischen Juden. David Orlowskys Spiel auf der Klarinette hat von ihr die menschliche, emotionale Sprachkraft, die gleich zu Beginn in dem Triostück "Aer" das Ohr fesselte. Das Instrument wird zur Stimme, die klagt, schluchzt oder kichert und die Seele streichelt mit einer tiefen Weichheit und Wärme des Tons. Hinzu kommen Jazz- und Folklore-Elemente, Östliches und Flamenco-Anklänge. Vieles wirkt wie improvisiert, verwendet werden modale Skalen und unregelmäßige Metren, angereichert mit einer relativ freien Harmonik, all dies in Szene gesetzt in intensivem, intimem Zusammenspiel.

Wie ging dies nun zusammen mit dem klassischen Streichorchester? Letzteres musste sich - kurz gesagt - unterordnen. Ein Großteil des Programms bestand aus reinen Trio-Darbietungen, bei den eigens erstellten Arrangements für Trio und Streicher fungierten die Letzteren meist als seidiger Hintergrund und edler Füllstoff, von Ruben Gazarian sorgsam dirigiert - musikalisch im Grunde verzichtbar, doch dank gekonnter Klangregie ein akustischer Genuss.

Die durchweg frei und in perfekter Feinabstimmung aufgeführten Kompositionen des Trios mit Überschriften wie "Satin", "North", "Balkanplatte", "Insomnia" oder "Juli" schufen Atmosphären und erzählten Geschichten. Als typisch konnte man die Kombination von verhaltener Einleitung und nachfolgendem Tanz registrieren, über weite Strecken prägte zart ausgesponnene Melancholie in Moll das Bild, getragen vom sinnlich-weichen, kultivierten Klang der Klarinette. Wie eine Reminiszenz an ferne Zeiten wirkte etwa "The ultimate Bulgar", wie ein Soundtrack zu einem alten Schwarzweißfilm "North", und die "Balkanplatte" bot schwierigste, laufend wechselnde ungerade Folklore-Tanzrhythmen in reicher Fülle.

Moderiert wurde der Abend von David Orlowsky selbst. Auch er erzählte: von der Freude, mit diesem Orchester aufzutreten, vom gemeinsamen Komponieren (wie etwa aus einer Fee "Santa Fe" wurde), von der Perfektion oder dem tieferen Sinn zweier Spülmaschinen. Fast wie im Schonwaschgang mit Weichspüler klangen auch die meisten Stücke. Ecken, Kanten oder Abgründe gab es in dieser Musikwelt nicht, dem Ohr wurde geschmeichelt mit seelenvoller Melancholie, sanften Übergängen und samtigen Klängen. Nur vorübergehend gewannen diese an Klarheit und Schärfe, nur selten, gegen Ende, spielte Orlowsky seine Virtuosität aus, kaum einmal verstieg sich die Klarinette zu rauem Aufschrei, etwa in "Carnyx", das mit scharfen Rhythmus-Akzenten frischen Wind in die Kuschelecke blies.

Das zahlreich erschienene Publikum jedenfalls zeigte sich in der Listhalle sichtlich angetan und stellte seinen Jubel erst nach drei Zugaben ein.

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