Reutlingen / Norbert Leister  Uhr

Gandalf begegne ich rund fünf Mal im Jahr“, sagte Christian Brandtner, Chef des Security-Unternehmens, das am vergangenen Wochenende rund um den Mittelaltermarkt für Sicherheit sorgte. Für ihn und seine knapp zehnköpfige Truppe ist der Mittelaltermarkt in Reutlingen eine willkommene Abwechslung zu manch anderer Veranstaltung, die er betreut. „Weil hier immer alles sehr ruhig ist“, so Brandtner. Und Gandalf? Der wandert wie so manch anderer Mittelalter-Fan von Markt zu Markt, war am Wochenende auch in Reutlingen, genauso wie viele andere, die vier bis fünf Mal im Jahr als Teil einer Lagergruppe bei solchen Märkten in der Region dabei sind.

So auch der Reutlinger Rolf Ihle und sein Sohn Christian. Sie gehören zu einer Gruppe, die sich „Vulnerarius et Comitatus“ nennt, „der Wundarzt und sein Gefolge“, erklärt Christian Ihle. Im realen Beruf ist er Krankenpfleger in der Psychiatrie, sein Vater ist Rentner, war aber schon vom Mittelalter begeistert, als er noch als Mechaniker beruflich tätig war. Was die beiden so an der vergangenen Zeit fasziniert? „Manche nennen es Realitätsflucht“, sagte Christian. Sein Vater würde es eher „entschleunigen“ nennen, „zur Ruhe kommen, das Handy ein paar Tage in der Holzkiste verschwinden lassen“.

Ähnlich äußerte sich auch das Organisatorenpaar Anja und Markus Katz: Sie haben in diesem Jahr zum zweiten Mal die Fäden beim Reutlinger Mittelaltermarkt in den Händen gehalten, „wenn es drei Tage durchregnen würde, dann müssten wir mit einem Verlust hier rausgehen“, sagte Anja Katz. 2019 organisieren sie insgesamt vier Märkte in der Region, der Aufwand sei immens, „ein Jahr Vorlaufzeit brauchen wir dafür“, sagt Markus Katz, der im Hauptberuf im Dreischichtbetrieb bei der Firma Bosch in Horb arbeitet. Trotz Organisationsstress würden die Märkte immer noch „Ruhepol, ohne Uhr leben, wir richten uns die paar Tage nach dem Sonnenstand“. Und wie ihnen ergehe es vielen der Lagergruppen: „Da sind Professoren dabei, Handwerker und ganz viele Berufe mehr vertreten, auch manch kinderreiche Familien.“ So wie die Katzens selbst, vier Kinder haben sie, „die Kleinen freuen sich schon immer auf die Märkte“, so Anja Katz.

Dieses Jahr hätten sie bei den Eintrittspreisen zum ersten Mal aufschlagen müssen, aber Kinder bis 16 Jahre waren immer noch frei. Bemängelt hat das Paar die immer weiter zunehmenden Auflagen und Sicherheitskonzepte. „Die Kommunikation mit den Ämtern kommt ja bei der Vorbereitung der Märkte auch noch dazu“, so Anja Katz. Schön wäre es gewesen, wenn sie die Reste der Gastronomen, wie von der Spanferkeley, losgeworden wären. „Wir verschenken die Brötchen, die da teilweise zuhauf übrig sind, immer sonntagabends, aber oft müssen wir sie wegwerfen.“

An den drei Tagen tummelten sich auf dem Gelände des Volksparks viele Gruppierungen, von denen einige als Ritter auftraten. Einer, der in solch einer Rüstung steckte, gestand, dass er durch die Augenschlitze des Helms gerade mal Kopf und Schultern von seinem Gegenüber sehen könne. Und warm sei es doch unter der Rüstung? „Einen Sonnenbrand kriegt man darin nicht“, sagte der unbekannte Ritter. Andere wie „Die Leitwölfe“ frönen dem Schwertkampf ganz ohne Rüstung: „Wir kämpfen Freistil, haben also keine feste Choreographie“, erläuterte Anja von Lochenstein. Marcus von Escingen sagte zur Verletzungsgefahr: „Das Schlimmste, was wir bisher erlebt haben, war ein Fingerbruch.“ Die Kunst des Kampfes liege darin, rechtzeitig vor dem Schlag oder Zustechen das Schwert abzustoppen und mit der stumpfen Seite den Gegner maximal zu touchieren. Na dann.

Andreas Gutekunst ist Hufschmied. Also nicht nur in der Rolle im Mittelalter, sondern auch im wahren Leben. Wie er dazu kam? „Zu mir hatte ein Kollege mal gesagt: Mit diesen Händen kannst du nur Schmied werden.“ Unaufgefordert zeigte Gutekunst seine massiven, starken Hände – weitere Erklärungen waren nicht vonnöten. Er verband das Vergnügen allerdings mit der Arbeit: Er habe als Hufschmied (bei ausbleibendem Nachwuchs) so viele Aufträge, dass „ich gar nicht mehr dazu komme, meine Werkzeuge selbst zu schmieden – das mach ich jetzt hier“, sagte er und lacht.

Ein munteres Völkchen also, das sich da tummelte, verstärkt wurden sie von Schaukämpfen, von Gauklern, von Händlern, die nicht nur Holzschwerter und Ritterhelme feilboten, sondern auch manche Leckerei, Mode aus längst vergangenen Zeiten und ganz viel mehr. Einiges müsse aber bei allem klar sein: „Wer sich intensiv mit dem Mittelalter beschäftigt, der weiß eins ganz genau: Niemand wollte damals gelebt haben“, sagte Anja Katz. Die Faszination des entschleunigten Lebens bleibe dennoch.