Reutlingen Schwelgen in Farben und Rhythmen

Mit atemberaubender Präzision und schönem Ton meisterte Theo Plath in Überschall-Geschwindigkeit auch schwierigste Passagen.
Mit atemberaubender Präzision und schönem Ton meisterte Theo Plath in Überschall-Geschwindigkeit auch schwierigste Passagen. © Foto: Susanne Eckstein.
Von Susanne Eckstein 05.12.2018

Man staunt jedesmal aufs Neue, wie beliebt die Sinfoniekonzerte der Württembergischen Philharmonie Reutlingen sind. Stets ausverkauft, bis auf den letzten Platz. Da meint man, diese Musik sei zu „schwer“ fürs breite Publikum, und wird jedes Mal eines Besseren belehrt. Auch zeitgenössische Musik kann die WPR-Begeisterten nicht schrecken; dabei macht sie es ihnen manchmal wirklich nicht leicht.

Wie jetzt „Ramal für Orchester“ von Kareem Roustom, einem amerikanischen Komponisten, der wie Chefdirigent Fawzi Haimor seine Wurzeln im Nahen Osten hat, mit ihm befreundet ist und im großen Saal dabei war.

„Ramal“, uraufgeführt 2017, verbindet Orient und Okzident durch die Übertragung eines arabischen Versmaßes aus vorislamischer Zeit in komplexe musikalische Rhythmen, die als Basismaterial das Werk prägen. Ansonsten gibt es offenbar kein Programm dazu, keine vermittelnden Gedanken – die Zuhörer waren konfrontiert mit einem dichten, vielschichtigen Prozess, einem expressiven Spiel der Farben und Rhythmen zwischen einsamen Soli und brutalen Tutti-Schlägen, der sicher manchen überrumpelt, ja verwirrt hat. Hätte man vielleicht doch zuvor den „Entdeckerabend“ besuchen sollen? Vertrautere Töne konnte man bei dem darauffolgenden Werk vernehmen, auch wenn das Instrument nicht eben zum Soloinstrument prädestiniert ist: Theo Plath, Solofagottist der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern, spielte Carl Maria von Webers Fagottkonzert F-Dur. Sein Ton erwies sich nicht nur als kantabel, sondern als nuancenreich, geradezu menschlich sprechend, seine Technik als makellos. Die lebhaften Ecksätze nahm er flink und elegant, den Adagio-Satz als ausdrucksvolle Opernarie ohne Worte. Wie unglaublich leicht er auf seinem Bassinstrument halsbrecherische Sprünge, flotte Figuren und atemberaubende Tempi meistert, bewies er im Anschluss mit seiner Solo-Zugabe, dem „Csárdás“ von Vittorio Monti, der mit Jubel quittiert wurde.

Chefdirigent Fawzi Haimor verbindet die Welten: Er ist nicht nur in der Neuen Musik, sondern genauso in der romantischen Sinfonik zu Hause und inspiriert sein Orchester mit präziser Körpersprache zu fesselnden Interpretationen, auch wenn die Partitur auf den ersten Blick wenig hergibt. So bei der Sinfonie Nr. 2 von Peter Iljitsch Tschaikowski, die auf „kleinrussischen“ (ukrainischen) Volksliedern basiert.

Hier konnte man schwelgen in sehnsüchtig-romantischer Melodik, dunklen Bläserklängen und dramatischen Zuspitzungen; der Sinn für Motorik schien geschärft durch „Ramal“.

Da wurde nichts zerdehnt oder verdickt; dank der optimalen Raumakustik und hellwacher Orchhesterpräsenz gelang eine durchweg lebhafte und transparente Darstellung. Skurril und kurzweilig wie ein Zaubermärchen wirkte das Scherzo mit dem quirlig-knackigen Trio, der Finalsatz fesselte durch den spannenden Wechsel von Leichtigkeit und majestätischer Wucht. Stets aufs neue setzten die Musiker eins drauf, Spannung und Präzision wurden neu geschärft. Basstuba, Becken, Gong und große Trommel fuhren auf und grundierten Tschaikowskis Orchesterfeuerwerk mit Böllerschüssen bis zum finalen Höhepunkt. Wow! Lang anhaltender Applaus dankte für ein großartiges sinfonisches Erlebnis.

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