Reutlingen Schwäche ausgenutzt

Amtsgericht.
Amtsgericht. © Foto: Archiv
Reutlingen / Carola Eissler 14.07.2018

Richter Sierk Hamann redete Tacheles. Der Angeklagte habe die Schwäche der Mädchen ausgenutzt, um sie sexuell zu belästigen. Trotz einem deutlichen Stopp-Zeichen der Opfer sei er ihnen nachgegangen, habe sie berührt, versucht sie zu küssen und habe sich sogar auf eines der Mädchen gelegt. „Sie glauben, Sie können Frauen anfassen, wie Sie wollen.“ Hamann machte in seiner Urteilsbegründung deutlich, dass eine Haftstrafe von sechs Monaten angemessen wäre, oder eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen. Er entschied sich für Letzteres, der Tagessatz zu 10 Euro, weil der Angeklagte von Sozialhilfe lebt und die Geldstrafe ihm mehr zusetze. Außerdem muss der Algerier ausreisen, weil sein Asylantrag bereits Anfang 2017 abgelehnt worden war und er schon damals zur Ausreise aufgefordert wurde.

In jener Augustnacht im vergangenen Jahr war der Reutlinger Hauptbahnhof fast menschenleer. Drei Mädchen hielten sich dort gegen halb zwölf Uhr in der Halle auf, weil sie nach Tübingen fahren wollten. Der spätere Angeklagte habe sich zu ihnen gesellt, zuerst nach einem Feuerzeug gefragt. Danach sei er immer aufdringlicher geworden und habe sie nicht mehr in Ruhe gelassen. Zwei der heute 18- und 16-jährigen Betroffenen schilderten gestern Morgen vor dem Amtsgericht Reutlingen detailliert die Ereignisse dieser Nacht, die sexuellen Belästigungen durch den Mann. „Nach dem Vorfall hatte ich eine Woche lang Angst, auf die Straße zu gehen“, sagte eine Betroffene und die andere betonte: „Es hängt mir immer noch in den Knochen.“

Hilfe hatten die Mädchen auf dem Bahnsteig von einem anderen Mann erhalten, der ebenfalls auf den Tübinger Zug wartete. Die drei Mädchen seien völlig verstört gewesen, eines habe geweint. Sie hätten ihn dann gebeten, ihnen Schutz zu geben. Das tat der Mann, der selbst einen Migrationshintergrund hat und des Arabischen mächtig ist. Im Zug stellte er sich schützend vor die Mädchen und riet ihnen dann, die Polizei zu holen. Gestern vor Gericht berichtete er zudem, dass er nach dem Vorfall von dem Angeklagten in Reutlingen bedroht worden sei. „Eines Tages kurz vor Weihnachten, stand er an der Bushaltestelle plötzlich hinter mir und sagte, ich solle aufpassen, was ich vor Gericht aussage.“ Seitdem hat der Zeuge Angst.

Dass die drei Mädchen verstört waren, das konnten auch die Polizeibeamten bezeugen, die nach dem Notruf, den eines der Mädchen abgesetzt hatte, am Tübinger Bahnhof im Einsatz waren. Dort wurde der Angeklagte dann auch zunächst festgenommen. Die Ereignisse am Reutlinger Bahnhof beschrieb er sowohl bei der Polizei als auch vor Gericht ganz anders. „Ich habe gar nichts gemacht.“

Für die Justiz ist der 28-jährige Algerier kein unbeschriebenes Blatt. Von verschiedenen Amtsgerichten wurde er bereits wegen Diebstahls, Erschleichens von Sozialleistungen und Handels mit Betäubungsmitteln verurteilt, unter anderem zu sechs Monaten Haft. Ein weiteres Verfahren ist derzeit in Tübingen gegen ihn anhängig. Der Asylantrag, den er 2014 gestellt hatte, war bereits Anfang 2017 abgelehnt worden. Der Aufforderung zur Ausreise ist er allerdings bis heute nicht nachgekommen.

Staatsanwältin Bettina Schmid forderte in ihrem Plädoyer vier Monate Haft ohne Bewährung, der Verteidiger sprach sich für eine Bewährungsstrafe aus. Als Bewährungsauflage schlug er 200 Stunden gemeinnützige Arbeit vor.

Richter Hamann ließ keinen Zweifel daran, dass die Tat des Angeklagten knapp an der Grenze dessen war, was dann nicht mehr als reine Belästigung gewertet werden könnte. „Es ist nicht der erste Fall, bei dem Frauen so belästigt werden. Nur jetzt ist es endlich strafbar“, betonte Hamann im Hinblick auf den erst seit 2016 geltenden Strafrechtsparagraphen der sexuellen Belästigung.

Strafrecht „Sexuelle Belästigung“

Der Strafrechtsparagraph „Sexuelle Belästigung“ ist 2016 neu in das Strafgesetzbuch aufgenommen worden. Es ist ein Paragraph gegen Grapscher. Anders als der sexuelle Missbrauch und die sexuelle Nötigung war die sexuelle Belästigung in Deutschland lange nicht ausdrücklich strafbar. 2016  wurde das Sexualstrafrecht entsprechend reformiert.

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