Eningen Schwäbisch und zwanglos

Pfarrer Rudolf Paul besuchte am Freitag die Mundartgruppe in Eningen. Foto: Norbert Leister
Pfarrer Rudolf Paul besuchte am Freitag die Mundartgruppe in Eningen. Foto: Norbert Leister
Eningen / NORBERT LEISTER 27.02.2012
Pfarrer Rudolf Paul hat nicht nur die gesamte Bibel ins Schwäbische übersetzt, sondern auch den Eninger Mundart-Stammtisch mit begründet. Am Freitag war er mal wieder dort zu Gast.

Bereits seit 1995 ist Pfarrer Rudolf Paul im verdienten Ruhestand. Schwäbische Gottesdienste hatte er vorher eher sporadisch gehalten. Danach aber um so öfter. Heute ist er 79 Jahre alt - "so alt wird koi Sau", sagt er am Freitagabend im "Bistro am Kreisel" in Eningen. "Denn die Sau wird vorher gmetzgert", ergänzt der Pfarrer seinen begonnenen Satz und die Umstehenden lachen laut heraus. So derb geht es in seinen Predigten mitunter auch zu - aber beileibe nicht immer. Durch die Kirchen im ganzen Ländle tourt er seit Jahren mit seinen Dialekt-Predigten, dabei begegnet er durchaus auch Vorbehalten: "Jetzet kommt no de Mäulesmühle bei ons in d Kirch oder was", habe er vor allem zu Beginn seiner Karriere als Mundart-Pfarrer hin und wieder zu hören bekommen.

Allerdings widerlegte er die Bedenken schnell und gründlich. Und die Eningerin Erika Schlotterbeck hatte Rudolf Paul bei einem Mundart-Gottesdienst in Glems kennen gelernt. Der Pfarrer sagt, "des war en Neuhausen-Erms" - wer Recht hat, wird nicht weiter verfolgt. Es spielt ja auch keine Rolle, denn dieses primäre Aufeinandertreffen markiert auf jeden Fall die Geburtsstunde des Eninger Mundart-Stammtisches. "Der erste war am 21. Oktober 2005", weiß Paul nun aber ganz genau. Und er hat für den vergangene Freitag sogar seine Begrüßungsrede von damals mitgebracht. "Zwanglos mit anderen Mundart-Freunden zu kommunizieren", sei der Sinn und Zweck der künftigen Zusammenkünfte, sagte der Pfarrer in reinstem Hochdeutsch.

In den Folgejahren engagierten sich vor allem Erika Schlotterbeck und Hermann Walz in den regelmäßig durchgeführten Treffen. Aber: "Jeder kann sich einbringen", sagte Schlotterbeck. Bei den Zusammenkünften wird gesungen, der Renner sind vor allem schwäbische Gedichte. Dabei forschen einige Mitglieder des Vereins "Schwäbische Mundart" in unterschiedlichen Jahrhunderten nach Dichtern und Mundartschriftstellern, die ihre schwäbische Herkunft nicht verleugnet hatten. Und die Dialekt-Forscher werden immer wieder fündig. Hermann Walz etwa trägt am Freitagabend ein Gedicht von Eduard Mörike vor.

Der berühmte Dichter, der ansonsten nur in der deutschen Hochsprache schrieb, hatte zumindest ein Gedicht in schwäbisch verfasst. Das war jedoch alles andere als lustig, sondern eher schwermütig.

Und so wehren sich die Mitglieder des Stammtisches eh gegen das Vorurteil, dass die schwäbische Sprache und ihre Dichtung immer "krachledern" daher komme. Das sei ebenso großer Blödsinn wie die Entwicklung, dass die Kinder und Jugendlichen heutzutage fast nur noch Hochdeutsch reden. "Viele Jonge von Migrante könnet hait besser Schwäbisch als de Einheimische", sagt Walz. Rudolf Paul hatte zuvor schon den Grund dafür angeführt: Das liege nur daran, weil die Eltern Angst vor dem Versagen der Kinder in der schulischen Rechtschreibung hätten. Das sei jedoch ein völlig fehlgeleiteter Gedanke: Eine Studie beweise nämlich das Gegenteil, dass gerade schwäbisch sprechende Kinder keine Probleme mit der hochdeutschen Schrift hätten - "sie sind doch von Anfang an zweisprachig aufgewachsen", erläutert der Pfarrer.

Regelmäßig vier Mal im Jahr trifft sich der Eninger Dialekt-Stammtisch - der dem Heimat- und Geschichtsverein angegliedert ist - in wechselnden Lokalitäten. Die Teilnehmerschar sei laut Erika Schlotterbeck jeweils unterschiedlich groß, besonders beliebt seien aber die Treffen im "Brenner", einer urgemütlichen Gaststätte in Eningen, die quasi als Geheimtipp gelte. Natürlich spielt auch immer der Gaststar eine Rolle: Am vergangenen Freitag hatte Rudolf Paul rund 30 Interessierte angelockt. Wie viele es am 20. April um 20 Uhr wiederum im "Bistro am Kreisel" sein werden, muss sich noch zeigen. Wahrscheinlich aber kommen viele Gäste, denn: Der Mundart-Autor und Dialekt-Kabarettist Bernd Merkle wird sich dort präsentieren. Und zwar gewohnt "wortkarg, schlitzohrig und saugrob", wie es in der Ankündigung heißt. "Seine Pointen treffen schonungslos ins Schwarze und legen die Wesensart des Schwaben offen." Wenn das keine Offenbarung sein wird.

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