Reutlingen / Kathrin Kammerer  Uhr

Wir kriegen viel Schulterklopfen, aber immer noch keine angemessene Finanzierung.“ Das Jahrespressegespräch der Reutlinger Hochschule war ein Plädoyer dafür, die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (früher Fachhochschulen) im 50. Jahr ihres Bestehens endlich mit so viel Geld auszustatten, dass sie wenigstens nicht mehr an allen Ecken und Enden rechnen und knausern müssen. Momentan verhandeln die Rektoren mit dem Land über den neuen Hochschulfinanzierungsvertrag. Sie fordern 1000 Euro mehr pro Student und Jahr, zudem mehr finanzielle Autonomie (also weniger Programmmittel).

Rund 40 Prozent der Angestellten an der Reutlinger Hochschule sind befristet

Rund 40 Prozent der Menschen, die an der Reutlinger Hochschule angestellt sind, haben nur einen befristeten Arbeitsvertrag, berichtet Hochschulrektor Prof. Dr. Hendrik Brumme: „Das Land geht hier mit einem schlechten Beispiel voran.“ Die Befristungen hängen zum einen damit zusammen, dass einige der Angestellten sowieso nicht für immer an der Hochschule bleiben wollen – Doktoranden beispielsweise. Viele werden aber auch von vorneherein nur für einen bestimmten Projektzeitraum angestellt. Und wenn das Projekt vom Land nach zwei bis vier Jahren nicht mehr gefördert wird, können sie eben auch nicht weiter beschäftigt werden.

Was die Lage so brisant macht: Fast die Hälfte des Geldes, das die Hochschule jährlich benötigt, stammt weiterhin aus solchen Projektfördertöpfen, so Brumme. Für solche Projekte muss man sich bewerben – ob man sie bewilligt bekommt, steht auf einem anderen Blatt. Die finanzielle Planungssicherheit fehlt der Hochschule auf Grund dieses Systems also zu großen Teilen – ein Dilemma, das es schier unmöglich macht, endlich den Großteil der Mitarbeiter unbefristet anzustellen. Deshalb steht die Forderung nach mehr „finanzieller Autonomie“ ganz oben auf der Liste in den aktuellen Verhandlungen.

Studentenzahl bleibt hoch – der Druck im System steigt

Parallel dazu ist in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl der Studenten explodiert: Alle wollen studieren – eine Entwicklung, die wohl auch in Zukunft anhalten wird. „Da ist ein wahnsinniger Druck im System“, betont Prof. Dr. Bastian Kaiser, Rektor der Rottenburger Hochschule und Vorsitzender der baden-württembergischen Rektorenkonferenz. „Die Ressourcen sind nicht gleich schnell gestiegen, wie die Zahl der Studierenden.“ Gleichzeitig werde die Ausbildung an den Hochschulen immer vielschichtiger: digitaler, internationaler, flexibler.

An zwei Reutlinger Fakultäten herrscht seit mehr als zwei Jahren Ausgabenstopp

„Wir sind wirklich auf Kante genäht“, betont der Reutlinger Präsident Brumme mehrfach. „Das gefährdet die Qualität unserer Arbeit und die Gesundheit unserer Mitarbeiter.“ An zwei Fakultäten der Reutlinger Hochschule herrsche auf Grund der finanziellen Notlage seit mehr als zwei Jahren Ausgabenstopp. Während die Uni Tübingen beispielsweise neun Justiziare habe, gebe es in Reutlingen nur einen, so Brumme weiter. „Und den haben wir uns aus den Rippen geschnitten.“

Und damit ist er bei einem der „Gewinner“ des letzten Hochschulfinanzierungsvertrages (HoFV) angelangt: den Universitäten. „Wir konkurrieren mit den Universitäten um das selbe Personal, allerdings zu schlechteren Bedingungen.“ Die Verhandlungen zum nächsten HoFV sind bereits angelaufen. „Die Signale sind bislang wenig positiv“, bilanziert Bastian Kaiser. Das versteht er nicht: Die Forderungen seien schließlich nicht utopisch.

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Sehr stolz – aber auch besorgt

Trotz alldem: „Unsere Fakultäten sind alle in bestem Fahrwasser“, betont Präsident Hendrik Brumme beim Pressegespräch. So wurde beispielsweise erst jüngst die European Business School (ESB) ausgezeichnet. Sie gehört nun also zu den „fünf Prozent der Business Schools weltweit, die dieses Siegel haben“, so Brumme. Auch das Wirtschaftsmagazin „Wirtschaftswoche“ küre die Reutlinger ESB seit vielen Jahren zur besten Business School, außerdem sei die Informatik-Fakultät auf Platz zwei gelandet. „Wir sind stolz auf unser Standing“, fasst Brumme zusammen. „Aber wir sind auch sehr besorgt, ob wir das weiter halten können unter diesen Voraussetzungen.“ kam