Reutlingen / KATHRIN KIPP Ein Verkehrsunfall mit Todesfolge soll per Mediation aufgearbeitet werden. Marc von Henning hat das Stück geschrieben und für die Tonne bei den Ruhrfestspielen inszeniert. Am Freitag ist die Reutlinger Premiere.

Die eigentliche Premiere von "Es gibt nichts Größeres als die kleinen Dinge" fand also schon im Mai 2014 bei den Ruhrfestspielen statt. Auch unsere Zeitung berichtete, wie Zuschauer und Presse dort offenbar sehr angetan waren. "Schön, wenn so ein kleines Theater wie die Tonne auf so einem großen Festival so eine Perle hinlegt", findet auch Regisseur und Autor Marc von Henning, der jetzt für die Reutlinger Premiere mit dem Ensemble noch einmal zwei Tage lang intensiv probt.

Marc von Henning, 1960 in London geboren, wohnt mittlerweile wieder auf einer "Insel" und zwar auf der Elbe-Insel Hamburg-Wilhelmsburg. Er war daher geradezu prädestiniert, die Auftragsarbeit für die Ruhrfestspiele zu schreiben, die dieses Jahr das Thema "Insel - Land in Sicht. Entdeckungen" hatten.

Marc von Henning war mit zwei Stücken schon beim Reutlinger Monospektakel zu sehen, 2013 mit dem "Umwegmacher" (und Thomas Klees, der bei den "Kleinen Dingen" jetzt wieder mitspielt) und im Frühjahr 2014 mit dem "Houdini-Gen", das dann den ersten Preis geholt hat. In den "kleinen Dingen" spielen außerdem die Tonne-Bekannten Robert Atzlinger, Verena Buss, Yvonne Lachmann und Chrysi Taoussanis mit.

Bei Marc von Hennings neuem, sehr psychologischen Stück befinden sich die Beteiligten als geschlossene Gesellschaft ebenfalls auf einer Art "Insel", und zwar in einer Mediation. Diese spielt sich ebenfalls auf einer Insel ab: Gotland. Ausgangspunkt fürs Stück sind die mehr oder weniger fiktiven Arbeitsprotokolle einer schwedischen Mediatorin aus den 70ern.

Das Stück spielt auf mehreren zeitlichen Ebenen, die Schauspieler steigen immer wieder aus der Mediation aus, um (unter anderem filmische) Hintergrund-Infos zu liefern, und als Erzähler ein wenig Distanz ins intensive Geschehen zu bringen. Denn es geht um große Lebensumstände, die durch kleinste Unachtsamkeiten ins Rollen gebracht werden: Ein anerkannter Wissenschaftler, der sich mit seinem bisherigen Leben als Krebsforscher der Rettung von Menschenleben verschrieben hat, passt beim Ausparken mit seinem Auto nicht auf und fährt ein Kind zu Tode.

Seine Frau will nun erreichen, dass er seine Haftstrafe in ihrer Nähe in Schweden absitzen darf. Dafür braucht sie die Zustimmung der Eltern des verunfallten Jungen, die mittlerweile getrennt sind. Die haben aber ebenfalls einiges aufzuarbeiten und mit dem Verursacher abzurechnen. Der wiederum ist in Marc von Hennings Schuld-, Schmerz- und Rache-Versuchsanordnung gar nicht anwesend, und wird von seinem Sohn vertreten, was die Sache dramaturgisch noch vertrackter gestaltet.

Marc von Henning ist mit seinen Stücken immer auf der Suche "nach neuen Formaten, in denen ich Geschichten erzählen kann". Und die Form einer Mediation birgt an sich schon ein hohes "dramatisches Potenzial". Die Teilnehmer wollen eigentlich gar nicht da sein, wollen nicht über die Sache reden, und sie mögen sich nicht - "großartige Voraussetzungen" also für ein Theaterstück, weil "der Konflikt sofort da ist". Und so werden in den "kleinen Dingen" unheimlich große Gefühle "ans Licht geführt", weil hier Menschen Menschen begegnen, die sie "für alles Schlechte in ihrem Leben verantwortlich machen".

Es gibt also nicht viel "zu lachen", so von Henning, "was nicht heißt, dass der Humor fehlt". Mit dem Stück wolle er zeigen, wie Menschen miteinander umgehen - nach "unvorhersehbaren und schicksalhaften Momenten, die das ganze Leben umkippen". Wobei das Stück über die Beteiligten nicht urteilt.

Der vielseitige und renommierte Autor, Regisseur, Dozent, Übersetzer und Schauspieler Marc von Henning hat in England wie in Deutschland auch schon viele "fremde" Texte inszeniert, macht aber mittlerweile lieber wieder sein eigenes Ding: Einen Klassiker wie Shakespeare zu produzieren, sei wie "Bergsteigen mit riesigem Gepäck", weil "400 Jahre" Theatergeschichte dran hängen. Ein eigenes Stück zu kreieren wiederum sei "wie eine Wanderung: Wir gehen alle einen Weg, den wir noch nie gemacht haben. Und zwar ohne Gepäck".

Premiere, Termine, Karten

"Es gibt nichts Größeres als die kleinen Dinge" von Marc von Henning. Premiere ist am Freitag, 24. Oktober, 20 Uhr, in der Planie 22 Reutlingen. Weitere Termine: 25., 26., 29. bis 31. Oktober, 1., 2., 8., 9., 13., 16. November, jeweils 20 Uhr, sonntags 18 Uhr. Karten: Telefon: (0 71 21) 93 77 0 und www.theater-reutlingen.de.

SWP