Die Eckdaten sprechen eine deutliche Sprache: In der Reutlinger Oststadt leben 6000 Menschen auf einer Fläche von nur 120 Hektar, dazu kommen 8000 Schüler und die gleiche Anzahl von Arbeitsplätzen. Tägliche Staus gehören genauso zur Routine derer, die das Stadtviertel aus der Gründerzeit mit dem Auto ansteuern, wie zum Los der Anwohner beispielsweise in der Kaiser- oder Urbanstraße. Erklärtes Ziel der Stadt ist es daher, verkehrsberuhigende Maßnahmen umzusetzen, um die tägliche Autoflut einzudämmen. Die freilich besteht zu 85 Prozent aus sogenanntem Quell- und Zielverkehr und nur zu 15 Prozent aus durchfahrenden Autos. Damit ergibt sich nach der Öffnung des Scheibengipfeltunnels ein Minderungspotenzial von maximal elf Prozent, haben Verkehrszählungen ergeben. Das Gros des Verkehrs ist „hausgemacht“.

In der jüngsten Ratssitzung stand jetzt – nachdem bereits 2009 der Rahmenplan Oststadt die Marschroute vorgezeichnet hatte – der Einstieg in ein Paket von Maßnahmen auf der Tagesordnung. Im Fokus standen von Verwaltungsseite und in Abstimmung mit den Ergebnissen des Bürgerdialogs der Umbau der Planie zu einer bevorrechtigten Verkehrsachse für Fußgänger und Radfahrer, die Umwidmung der Charlottenstraße zur Fahrradstraße, die Einrichtung von Parklets einschließlich der Suche nach Paten, die solche Flächen betreuen sowie die Umgestaltung des Straßenraums am Südknoten, auch als „Dreispitz“ bekannt, um Autofahrern die heute „leichte“ Zufahrt in die Oststadt zu erschweren.

Ein zentraler Punkt ist die Umgestaltung der Planie. „Wir wollen aus der prominenten Straße eine sanfte Barriere machen“, sagte Stadtplanungschef Stefan Dvorak. Müssen Radler und Fußgänger, die auf der Planie von der Gartenstraße in den Stadtpark wollen, drei Ampelanlagen überqueren und entsprechende Wartezeiten in Kauf nehmen, sollen diese künftig Vorrang haben. Die Kreuzungsbereiche in der Kaiser-, Bismarck- und Charlottenstraße werden baulich so umgestaltet, dass dies bereits optisch signalisiert wird. Autofahrer müssen sich dann dem Fußgänger- und Radverkehr unterordnen. „Die Unterbrechung der Straße trägt entscheidend zur Verkehrsberuhigung bei“, unterstrich Dvorak. Die Kreuzungsbereiche werden dazu so umgebaut, dass die Fahrbahn der Straßen im Bereich vor und nach der neuen Planie von sieben auf 3,50 Meter verengt wird. Der Baukörper der Planie wird erhöht und signalisiert auch so eine „Barriere“. Die Planungsdetails sollen, nach der Zustimmung des Gemeinderats am Dienstag, in einer neuen Runde zusammen mit Bürgern erarbeitet werden. Zunächst wird die Kreuzung Planie-Bismarckstraße umgestaltet, um ohnehin anfallende Arbeiten mit der Fair-Energie koordinieren zu können. Ebenfalls seine Zustimmung gab das Gremium zur Umwidmung der Charlottenstraße in eine Fahrradstraße. Autos dürfen diese weiterhin nutzen, Radler haben jedoch Vorrang und dürfen auch nebeneinander fahren – in diesem Fall müssen sich Kfz hinter ihnen gedulden. Auch die Einrichtung der „Parklets“, also die Erweiterung der Gehwege durch die Einbeziehung von Parkplatzflächen, fand eine Mehrheit im Rat. Diese sollen nicht zuletzt in Verbindung mit einem Aktionstag von den Bürgern phantasievoll gestaltet werden. Die Stadt hat zur Finanzierung in den nächsten Jahren insgesamt rund 1,75 Millionen Euro vorgesehen, dazu kommen Zuschüsse für Einzelmaßnahmen.

Für die SPD verwies Sebastian Weigle auf jene Autofahrer, die fast komplett durch die Oststadt fahren, um nördlich gelegene Ziele anzusteuern. Diese könnten auch auf der B 312 bleiben und dann von der Karlstraße aus zum Beispiel die Berufsschulen ansteuern. Positiv aus der Sicht der Grünen wertete Holger Bergmann die „nun doch wieder verstärkte“ Berücksichtigung der Vorschläge aus der Bürgerbeteiligung. „Wenn es zum Umbau kommt, sind wir zufrieden“. Die „Planie als dominante Achse“ begrüßte auch Regine Vohrer (FDP). Um den „Mobilitätsmix“ in der Oststadt voranzubringen, „brauchen wir die Planie als Fußgänger- und Radfahrerachse“, sagte CDU-Fraktionschef Rainer Löffler. Zustimmung signalisierte auch Erich Fritz für die FWV – zeigte sich aber, genau wie Löffler, kritisch gegenüber der von der Verwaltung vorgeschlagenen Umgestaltung der Straßenführung am „Dreispitz“, also der Einfahrt in die Oststadt bei der Araltankstelle. Anstelle über die Albstraße sollte dort künftig der stadteinwärts fließende Verkehr die Route über das kleine Verbindungssträßchen zwischen Tankstelle und Zelle nehmen. Im Gegenzug hatte die CDU die Einrichtung einer Pförtnerampel beantragt. Das Gremium diskutierte die beiden Vorschläge kontrovers. Letzltich erfolgte auf Vorschlag von Löffler zunächst die Abstimmung über die „Pförtnerampel“, die mit einem Patt endete und damit abgelehnt war. Weil auch der Verwaltungsvorschlag für eine geänderte Verkehrsführung keine Mehrheit fand, ändert sich dort zunächst nichts.