Reutlingen Schlagabtausch am Schachbrett

Zwei Hitzköpfe, zwei Familiengeschichten: Das Melchinger Lindenhof-Theater gibt „Chaim und Adolf“ zum Besten.
Zwei Hitzköpfe, zwei Familiengeschichten: Das Melchinger Lindenhof-Theater gibt „Chaim und Adolf“ zum Besten. © Foto: Lindenhof
Kathrin Kipp 10.11.2018

Im Film „Der Vorname“ gaukelt derzeit in den Kinos ein werdender Vater der lieben Verwandtschaft vor, sein Sohn werde als „Adolf“ getauft. Was das Familienessen böse eskalieren lässt. In „Chaim und Adolf“ von Stefan Vögel ist dieser Name schon seit 50 Jahren bizarre Realität für den Oberhuberbauern, weil er ihn von seinem Großvater geerbt hat. So will‘s die Tradition. Was aber ziemlich heikel wird, als der Linde-Wirt Martin den Adolf mit dem Israeli Chaim zum Schachspielen verkuppelt.

Chaim ist als getarnter Wander-Tourist und Historiker auf der Suche nach seinen deutschen Wurzeln, Adolf der einzige Schachspieler weit und breit. Beide zusammen ergeben eine explosive Mischpoke.

Der österreichische Autor Stefan Vögel hat sein psychologisch-diskursives Dialogstück ursprünglich im Vorarlberg verortet. Der Melchinger Lindenhof hat es auf die Schwäbische Alb verpflanzt, aber hier wie dort sind die historischen Themen vergleichbar: Wie verhält sich die dritte Generation in Bezug auf Holocaust, Zwangsarbeiterschaft und „Erbschuld“, wenn sich herausstellt, dass die eigene Familie darin verwickelt war und ist?

Und so sind in dem tricky strukturierten Dialog allerlei Fallstricke, Abgründe und doppelte Böden eingearbeitet, wenn‘s für die beiden Protagonisten um die eigene Familienehre, um Schuld, Geld, Vorurteile, Erbe und Verdrängung geht.

Stefan Vögel verpackt das Duell in ein metaphorisches Schachspiel: Wer kann hier am besten antizipieren, taktieren, blenden und antäuschen?

Am Melchinger Theater geht man mit dem dörflichen Historikerstreit direkt an den Ort des Geschehens: in die Gaststube des Lindenhofs. Denn die Produktion soll, gefördert vom Land, vor allem auch in Landgaststuben gezeigt werden. Bei der Premiere saßen Lindenhof-Präsident Uwe Zellmer und der ehemalige Ministerpräsident Erwin Teufel am Stammtisch.

Regisseur Franz Xaver Ott spielt selbst mit, und zwar als Wirt und als eine Art Spielmacher im Stück, der den Überblick behält, die Hitzköpfe besänftigt, seine gastronomischen Weisheiten zum Besten gibt und überhaupt mehr weiß, als er zugibt.Eine imaginäre Binokelrunde grölt immer wieder lustig aus dem „Nebenzimmer“ heraus, bestellt eine Runde nach der andern und motzt den Wirt an: „I mecht an Wurschtsalad. Aber net an der Blutwurst spare!“.

Auf das Niveau dieser „Holzköpf“ will sich Adolf Oberhuber nicht herunterlassen: hauptberuflich schwingt der Bezirksschachmeister zwar die Mistgabel, hat aber immerhin in Tübingen studiert, wenn auch nicht abschließend. Aber so gibt er sich weltoffen und aufgeklärt. Aber umso bildungsbeflissener, desto entrüsteter natürlich auch die Reaktion, wenn man in Verdacht gerät, in der Familiengeschichte sei nicht alles unbefleckt abgelaufen. Und überhaupt, wieso heißt er „Adolf“?

Stefan Hallmeyer gerät mit seinem Oberhuber in so manche argumentatorische Zwickmühle. Er spielt ihn so elegant wie rustikal, als so feurigen wie schnell beleidigten Hitzkopf, der, wenn ihm was nicht passt, schon auch mal das (unfertige) Schachspiel vom Tisch fegt oder gleich die Flucht ergreift. Aber Martin Olbertz, der seinen Chaim mit einem östlichen Akzentdeutsch versieht, steht ihm in Sachen Ausgefuchstheit und Reizbarkeit in Nichts nach.

Und so entfaltet sich ein knackiger Schlagabtausch, bei dem jeder meint, er hätte den anderen intellektuell schon längst im Sack. Bis zum Schluss bleibt spannend, welche neue Wendung die Ahnenforschung noch nimmt und wer die Fäden eigentlich in der Hand hält.

Adolf will seine Familie von jeglicher „Erbschuld“ freisprechen, und Chaim weist ihm nach, dass er auch heute noch von den damaligen Ausbeutungsstrukturen profitiert, auch wenn sein Großvater Adolf „nur ein kleines Rädchen“ der Nazi-Maschinerie war und seine Zwangsarbeiterinnen anständig behandelt hat. Je mehr Chaim Adolf vorführt und in die stufenweise Enträtselung der Familiengeheimnisse hineinzieht, desto giftiger wird Adolf. Auch Chaim wird immer stürmischer. Bei ihm schwingt aber auch Traurigkeit mit, wenn er seine Witze erzählt oder seine jiddischen Lieder singt: „Hey, hey, das Leben ist kein Spaß“. Aber auf jeden Fall sehenswert.

„Chaim und Adolf“ im Melchinger Lindenhof

Chaim und Adolf – eine Begegnung im Gasthaus“, von Stefan Vögel ist weiterhin am Theater Lindenhof in Melchingen zu sehen, das nächste Mal am morgigen Sonntag, 11. November, 11 Uhr, im Rahmen einer Matinee mit Weißwurstfrühstück. Weitere Termine sind am 16. und 18. November sowie am 2.,3.,10.,11.,13. Dezember.

Das Service- und Kartenbüro hat von Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Das Kartentelefon ist zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn besetzt.

Adresse: Unter den Linden 18, 72393 Burladingen-Melchingen, Telefon: (07126)  92 93 94. E-Mail: karten@theater-lindenhof.de

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