Reutlingen Schattenspiele zwischen Traum und Wirklichkeit

Akteure der Show. Foto: Jürgen Spiess
Akteure der Show. Foto: Jürgen Spiess
JÜRGEN SPIESS 04.01.2014
80 Minuten perfekte Illusion: "Shadowland" bot zweimal in der vollen Stadthalle faszinierendes Schattentheater mit dem Pilobolus Dance Theatre.

Die Zutaten sind denkbar einfach: Mehrere Leinwände, die ständig umhergeschoben werden, Scheinwerfer, ein paar Rahmen und Requisiten und natürlich die Darsteller, die mit Hilfe ihrer Körper und den Schatten, die sie werfen, eine mal poetische, mal ziemlich animalische Albtraumwelt entstehen lassen.

Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mädchens (Lauren Yalango), das sich in seinen Träumen auf eine faszinierende Reise begibt. Die führt es in ein Schattenreich, das bevölkert ist von fleischfressenden Fabelwesen, kannibalischen Köchen, einer durchgeknallten Zirkustruppe und bedrohlichen Monstern. Dies alles geschieht ohne Worte und wird zum Teil vor, aber meist hinter mobilen Leinwänden dargestellt, um Traum und Wirklichkeit visuell zu trennen.

Die vier Frauen und fünf Männer führen das Publikum durch Szenarien, die die Fantasie beflügeln und teilweise für offene Münder sorgen. Denn immer, wenn sich die Darsteller hinter die Leinwände begeben, sind sie Protagonisten eines Films, verwandeln sich in Riesenköpfe, Elefanten, Autos, Pusteblumen oder wie Hauptakteurin Lauren Yalango durch eine überdimensionale Zauberhand in ein Mädchen mit Hundekopf. Als "dog girl" erlebt sie Anfeindungen und Spott, wird ausgenutzt und wie ein Elefantenmensch auf dem Jahrmarkt ausgestellt. Sie erfährt, wie es ist, nicht "normal" und nicht akzeptiert zu sein.

Es sind nicht allein die tänzerischen Leistungen und die Überraschungseffekte, wie Menschen mit Hilfe ihrer Schatten zu Tieren, Autos oder Gebäuden mutieren. Es sind vor allem die wunderbar naiven Bilderwelten, die verzaubern.

Etwa, wenn das Hundemädchen mit einem Cowboy in einem aus Körpern geformten Auto durch den Regen fährt. Oder wenn die Hauptdarstellerin Lauren Yalango sich mit Hilfe ihres Arms und zwei Fingern blitzschnell in ein Hundewesen verwandelt - alles eingebettet in David Poes melancholischen Klangteppich.

Von Beginn an ist man mittendrin in einer bizarren Illusions-Show, bei der sich manches wiederholt, bei der aber auch viele Schattenfiguren mit solcher Körperlichkeit wohl noch nie gezeigt wurden. Shadowland definiert Schattentheater neu - mit viel Fantasie und neuen Denkansätzen. Wenn das keine Kunst ist, was dann?