Das war spannend. Und selten. Denn nur alle 50 bis 60 Jahre steht eine Turmsanierung an, für die Wetterhahn, Kugel und Kreuz mit „INRI“-Inschrift aus rund 50 Metern Höhe auf den Boden geholt werden. Am Sonntag folgten nach dem ökumenischen Marktplatzgottesdienst rund 150 Interessierte der Einladung, sich die Unikate von der Pfullinger Martinskirche aus der Nähe anzusehen und sich über die im „Turmknopf“ gefundenen Dokumente zu informieren.

1773 wurde die Turmspitze erbaut

Wie Architekt Eberhard Wurst ausführte, wurde das Dach des 1773 erbauten Turmaufsatzes schon ein Jahr später durch Blitzeinschlag schwer beschädigt. Doch erst 1817 habe man es wiederherstellen können. 1860, 1926 und 1982 erfolgten Restaurierungen. „1956 gab es dann noch mal eine Kletteraktion, bei der der Hahn neu vergoldet wurde.“ Heute weist das Exemplar aus Messing nur noch die Grundierung und die Restvergoldung von 1982 auf und hat Löcher an mehreren Stellen. Trotz des eher bedauernswerten Zustandes entdeckte Wurst ein witziges Detail: Zwischen den Schwanzfedern befindet sich eine kleine Pfeife, die wohl durch den Wind bedient werden soll. „Der Hahn war die Wetter-App früherer Zeiten“, so Wurst. „Drehte er sich Richtung Übersberg, war das Wetter bestens.“ Der Hahn hatte damals wohl 24 Florentiner Gulden gekostet, laut Wurst rund 2100 Euro.

Martinskirche Pfullingen Ausblick vom Kirchturm: Über den Dächern der Stadt

Kirchengemeinderat Helmut Schwarz berichtete über die Bergung der Kugel, des sogenannten „Kirchturmknopfs“, der außen am Gerüst heruntergelassen werden musste. Die Hohlkugel mit den rund 60 Zentimetern Durchmesser sei wohl auch mal vergoldet gewesen. Heute ist sie kohlschwarz und weist mehrere mit Nieten befestigte „Flicken“ auf. „Es ist üblich, dass man bei den Renovierungen hineinguckt, Aktuelles hineingibt, und die Kugel wieder verschließt.“

Im Innern befanden sich mehrere Rohre aus Kupfer, Blei und Hartplastik, die mit Spannung geöffnet wurden. Leider war nichts mehr von den Unterlagen von 1773 erhalten, wie Martin Fink mitteilte. Doch interessant waren auch die anderen „Zeitkapseln“. So gingen 1817 aus Futtermangel die Pferde ein, nachdem 1816, das „Jahr ohne Sommer“, auf Grund des Vulkanausbruchs des Tambora in Indonesien nur Missernten gebracht hatte. Erst an Weihnachten konnte der kümmerliche Hafer geerntet werden. „Kaum ist der Friede (nach Napoleon) wieder hergestellt, leben wir durch Wetterschlag, Teuerung und Misswachs in einer verhängnisvollen Zeit“, heißt es in dem Dokument. Pfullingen hatte 3400 Einwohner, für die 200 bis 300 Armen hatte Königin Katharina eine Suppenküche eingerichtet.

Zeugnisse von Inflation, Aufschwung und den Ängsten der damaligen Zeit

Die Kapsel von 1860 enthielt einen Bericht des Kommandanten der 1857 gegründeten Feuerwehr, Philipp Heinrich Renz, über den damaligen Dachzustand. Der Ort hatte sich inzwischen erholt und „durch den gewerblichen Aufschwung sehr gehoben“. 1926 beschrieb Dekan Theophil Wurm die Renovierungsmaßnahmen. Buntes Geld in Millionenhöhe zeugt von der Inflationszeit.

1982 hatte man 18,28 Mark als Zeugnis der aktuellen Währung in der Kugel deponiert. Bürgermeister App hatte einen elfseitigen Bericht verfasst, der Stadtpfarrer erwähnte den Bombenabwurf von 1945. Hinzu kamen ein Bogen Lebensmittelkarten von 1948, ein Gedicht von Sofie Schlegel und ein Teil der Pfullinger Einwohnerkartei auf Microfiche, dem damals modernsten Speichermedium. App erzählte von der Angst vor einem Atomkrieg und meinte: „Wir hoffen, wenn Sie dies lesen, dass Sie in einer friedlichen Zeit leben.“ Welche Dokumente Stadt und Kirche 2019 nun in die Kugel einlegen? Darüber wird noch beraten.

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