Der literarische Übersetzer überträgt nicht nur Worte, Sätze und Grammatik, sondern vor allem Gefühle, Bilder und andere Kulturen. Er verbindet, schafft Verständnis und lässt uns miterleben. Sich gegenseitig – ‚Mit anderen Worten’ – zu verstehen, ist in unserer heutigen Zeit wichtiger denn je“, schreibt Oberbürgermeisterin Barbara Bosch in ihrem Geleit zum Programmheft.

Dabei ist es ein fast unsichtbarer Beruf: Übersetzer stehen nicht im Rampenlicht, erbringen aber eine eigenständige geistige Leistung. Oft seien sie es, die dafür sorgen, dass Werke funktionieren“, betont Stadtbibliotheksleiterin Beate Meinck im Pressegespräch am Donnerstag. Vom 10. bis 16. November richtet Reutlingen die 11. Baden-Württembergischen Übersetzertage aus.

Das Motto der Veranstaltung „Mit anderen Worten“ lehnt sich an ein Zitat Umberto Ecos an: Burkhart Kroeber hat dessen Werk über das Übersetzen ins Deutsche übertragen und ihm den Titel „Quasi dasselbe mit anderen Worten“ gegeben. Kroeber selbst wird am Samstag, 11. November, 20 Uhr, im großen Studio der Stadtbibliothek an den 2016 verstorbenen italienischen Schriftsteller, Semiotiker, Wissenschaftler und Philosophen erinnern.

Offizieller Auftakt der 11. Übersetzertage ist am Freitag, 10. November, 19.30 Uhr, in der Stadtbibliothek mit Frank Heibert, der sein sein aktuelles Übersetzungswerk mit: „Lincoln in the bardo“ von George Saunders mitbringen wird. Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Robert Hahn und Grußworten von Dr. Claudia Rose (Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg) und Helga Pfetsch (Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen) präsentiert der preisgekrönte Übersetzer gemeinsam mit Schauspielern des Tonne-Theaters in einer szenischen Lesung den grotesken Chor der Toten aus dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865). Anschließend unterhält er sich mit Prof. Dr. Dorothea Kimmich (Universität Tübingen) über seinen Beruf. Den musikalischen Rahmen gestaltet das Peñalosa-Ensemble.

Was tun wir, wenn wir übersetzen“, fragt Klaus Fritz am Samstag, 11. November, 11 Uhr in der Stadtbibliothek. Fritz, der die Geschichten um Harry Potter ins Deutsche übertragen hat, will anhand von Beispielen aus Joanne K. Rowlings erfolgreicher Fantasyreihe Grundfragen des Übersetzens beantworten. Ebenfalls am Samstag um 17 Uhr illustrieren in der Stadtbibliothek der Übersetzer und Theaterregisseur Frank Günther und Tonne-Dramaturgin Karen Schultze am Beispiel der Shakespeare-Komödie „Viel Lärm um nichts“, weshalb Neuübersetzungen bekannter Klassiker notwendig sind.

Die Autorin Alissa Walter erläutert am Montag, 13. November, 18 Uhr in der Stadtbibliothek (großes Studio), die unterschiedlichen Herangehensweisen bei der Übersetzung von Sachbuchtexten und literarischen Werken. Als Beispiele nimmt sie Arun Ghandis Autobiografie „Wut ist ein Geschenk“ und Mary Millers Roman „Big World“.

Er ist ein bekannter Autor und ein renommierter Übersetzer: Klaus Modick ist am Dienstag, 14. November, 20 Uhr, in der Stadtbibliothek Gast in der Reihe „Autor im Gespräch“ und spricht mit SWR-Moderator Wolfgang Niess über seine literarische Doppeltätigkeit.

Ein weiteres Highlight ist die Veranstaltung mit Karin Krieger, die am Mittwoch, 15. November,  20 Uhr im großen Studio der Stadtbibliothek, über die scheinbare Leichtigkeit der Elena Ferrante sprechen wird. Krieger hat Ferrantes vierbändigen Romanzyklus „Meine geniale Freundin“, die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft in Neapel, kongenial ins Deutsche übersetzt und damit wesentlichen Anteil am Erfolg des Werks.

Insgesamt 32 Veranstaltungen  umfasst das Programm der 11. Übersetzertage. Dieses sei, sagt die Organisatorin Ute Bruckinger, bewusst breit gestreut und richte sich alle, die sich für Literatur interessieren. Die Besucher erwarten Abendveranstaltungen, Diskussionsrunden, Lesungen und Vorträge ebenso wie Filmvorführungen im Kamino oder Literaturtreffs in Cafés. Das Programm bezieht zudem die Sparten Kunst, Musik, Kino und Theater mit ein. Daneben ist die Veranstaltung auch ein Branchentreffen, das dazu dienen soll, den informellen Austausch unter Übersetzern zu fördern.

Die Ausstellung „Blumen spazieren durchs Tagesblau“ präsentiert Kindergedichte aus aller Welt, dazu gibt es einen Workshop. Schüler der Oberstufe erhalten in vier Workshops von Übersetzern eine praktische Einführung in den Übersetzerberuf.

Baden-Württembergische Übersetzertage


Im Jahr 1998 hatte die Landesregierung die „Baden-Württembergischen Übersetzungstage“ als Teil eines Literaturförderprogramms ins Leben gerufen. Die Veranstaltungsreihe wird alle zwei Jahre in einer anderen Stadt des Landes ausgerichtet – zuletzt 2015 in Ravensburg.

Initiator der Reihe ist der Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen e.V. Die Übersetzertage haben das Ziel, eine breitere Öffentlichkeit für das Thema literarisches Übersetzen zu sensibilisieren und Übersetzern die Möglichkeiten zu bieten, ihre Arbeiten öffentlichkeitswirksam darzustellen.

Das vollständige Programm der Übersetzertage findet sich auf der Homepage der Stadtbibliothek Reutlingen unter http://www2.stadtbibliothek-reutlingen.de/Plone/-1/veranstaltungsauswahl/bw_uebersetzertage.

Kartenvorverkauf und -reservierung erfolgt über die Musikbibliothek, Telefon (0 71 21) 3 03 28 47. Für 25 Euro gibt es eine Tagungskarte, die Zutritt zu allen Veranstaltungen (in) der Stadtbibliothek gewährt. swp