Reutlingen Rundum gelungenes Konzept

Ein Team ehrenamtlicher Mitarbeiter lässt in der Regel einmal im Monat  die historischen Maschinen im Industriemagazin – hier ein Jacquard-Webstuhl – laufen.
Ein Team ehrenamtlicher Mitarbeiter lässt in der Regel einmal im Monat  die historischen Maschinen im Industriemagazin – hier ein Jacquard-Webstuhl – laufen. © Foto: Heimatmuseum/Karl Scheuring
Reutlingen / Von Ralph Bausinger 31.07.2018

Reutlingens Aufstieg zur Großstadt lässt sich nicht von seiner Industriegeschichte trennen. Das weiß nicht nur Kulturbürgermeister Robert Hahn. Dennoch hat sich viele Jahre lang nichts in Sachen „Industriemuseum“ getan. Immerhin: In der letzten Gemeinderatssitzung vor den Sommerferien präsentierten Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele und Dr. Boris Niclas-Tölle ein von ihnen erarbeitetes Konzept zu diesem Thema.

Dessen Leitbild sieht vor, das  Museum als „interdisziplinären, partizipativen Lernort“ zu konzipieren, wie Niclas-Tölle sagte. Das Museum soll den Beitrag der Industrie zum Aufstieg Reutlingens zur modernen Großstadt beleuchten. „Es fördert ein lokales Geschichtsbewusstsein und somit die Identität Reutlingens als zentraler großstädtischer Industriestandort in Württemberg“, schreibt Niclas-Tölle. Darüber hinaus soll es als „Mitmachmuseum“ angelegt werden und sich an drei Zielgruppen richten – inhaltsorientierte, unternehmungs- und erlebnisorientierte Besucher sowie technikaffine Experten. Das Konzept schlägt eine Dauerausstellung vor, welche die Maschinen in ihrem historischen Kontext zeigt.

Niclas-Tölle hat drei Kernbereiche herausgearbeitet: Energieproduktion und Stadtentwicklung, die Erfolgsgeschichte der Reutlinger Textilindustrie und die technische Entwicklungsdynamik in der industriellen Revolution mit ihren gesellschaftlichen und arbeitskulturellen Facetten. Ein Präsentationsbereich mit historischen Reutlinger Industrieprodukten rundet die Dauerausstellung ab. In allen Bereichen ließen sich Bezüge zur Gegenwart herstellen. Niclas-Tölle denkt hier beispielsweise an Ausstellungskooperationen mit der benachbarten Städtischen Galerie oder auch an gemeinsame Aktionen mit der IHK oder der lokalen Wirtschaft wie die Präsentation aktueller Erzeugnisse Reutlinger Firmen.

Aus den Reihen der Stadträte gab es viel Lob für die Konzeption, die ein „großer Schritt in Richtung Industriemuseum sei“, wie Gabriele Janz ausführte. Sie leuchte viele Bereiche aus und schlage einen Bogen von früher bis heute, sagte die Fraktionssprecherin der Grünen. „Die Konzeption ist ein guter und wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Industriemuseum“, würdigte auch SPD-Stadtrat Sebastian Weigle die Ausarbeitung.

„Sie haben mit dieser Konzeption etwas den Staub vom Industriemagazin gewischt“, betonte FWV-Chef Jürgen Fuchs, dessen Fraktion sich seit vielen Jahren für ein Industriemuseum einsetzt. Die bauliche Situation der Gebäude erfordere eine „zeitnahe Sanierung“, sagte Fuchs. Er forderte die Verwaltung auf, die dafür nötigen Kosten zu erheben und diese in den Doppelhaushalt 2019/20 oder die mittelfristige Finanzplanung aufzunehmen.

„Es geht nicht darum, alte Objekte auszustellen. Wir brauchen ein Konzept, das auch Anklang bei zukünftigen Generationen findet. Sonst wird es keinen Erfolg haben“, sagte CDU-Stadtrat Dr. Karsten Amann. Lob für die „rundum gelungene Konzeption“ gab es auch von Hagen Kluck. Jetzt müsse man sich dahinter klemmen und die baulichen Voraussetzungen schaffen, erklärte  der FDP-Fraktionsvorsitzende.

Das Gebäude des Industriemagazins ist sanierungsbedürftig. Ohne Erneuerung der Shedhallen ist ein Museum nicht möglich. Konkrete Zahlen zu den Kosten liegen derzeit aber nicht vor.

Industriemagazin: Kleiner Abstecher in die Historie

Die Diskussion um ein Industriemuseum in der Achalmstadt ist nicht neu, sie kam bereits in den 1980er Jahren auf. Ende dieses Jahrzehnts begann Dr. Werner Ströbele als Heimatmuseumsleiter, eine Sammlung aufzubauen, deren Exponate seit 1993 im Industriemagazin in der Eberhardstraße 14 gezeigt werden. Noch im selben Jahr gründete sich der Förderverein Industrie-Museum Reutlingen.

2007 beschloss der Gemeinderat, das Industriemagazin zu einem Museum umzubauen. Der Umbaubeschluss wurde jedoch wegen der möglichen Ansiedlung eines ECE-Einkaufscenters zurückgestellt, was sich allerdings zerschlug. Im gleichen Jahr bildete sich ein Arbeitskreis ehrenamtlicher Mitarbeiter, die sich um die Instandhaltung der Maschinen kümmern und diese auch vorführen. Seit damals gab es keine weiteren Gemeinderatsbeschlüsse, den Ausbau zum Museum fortzusetzen. Neben kleineren Reparaturen wurde das Shed-Hallendach abgedichtet, um das Eindringen von Feuchtigkeit zu stoppen. Vor allem die Freien Wähler sprachen das Thema „Industriemuseum“ immer wieder an. rab

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel