Als Schlussworte seiner Ansprache wählte Staatssekretär Steffen Bilger eine Fürsprache: „Bitte nutzen Sie die Möglichkeiten.“ Denn eine intensive Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs mache das Leben in Reutlingen lebenswerter, appellierte der Vertreter des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur an die Bewohner Reutlingens, die sich trotz getrübtem Himmel und Regen auf zur Gartenstraße, dem neuen Zentrum des ÖPNV, gemacht hatten.

Reutlingen/Region

Dort feierte die Stadt am Sonntag unter musikalischer Begleitung der Stadtkapelle den offiziellen Start des erweiterten Stadtbusverkehrs – Reutlingens jüngster Vorstoß zu mehr Umweltfreundlichkeit.

Mehr als 100 neue Haltestellen

Seit Montag stehen mehr als 100 neue Haltestellen und zehn zusätzliche Buslinien zur Verfügung. Dazu kommen deutlich enger getaktete Verbindungen, außerdem entfallen mit dem neuen Fahrplan zahlreiche Umstiege, weil Verbindungen verlängert wurden. Wohnlagen am Hang sind einfacher zu erreichen, ebenso wie das Gewerbegebiet und die umliegenden Kommunen Walddorfhäslach, Pfullingen, Eningen und Pliezhausen.

Das Programm „Saubere Luft“

Realisiert werden konnte dieses Mammutprojekt durch die Unterstützung des Bundes, der seit 2017 nach Angaben von Steffen Bilger rund 750 Millionen Euro für kommunale Projekte wie etwa das erweiterte Busnetz bereitgestellt hat. Im Rahmen des Sofortprogramms „Saubere Luft“ erhält Reutlingen zirka 14,5 Millionen Euro; die Bundesförderung ist derzeit auf zwei Jahre angelegt, wobei Oberbürgermeister Thomas Keck für die Umsetzung der geplanten Mobilitätswende auf weitere Unterstützung hofft.

Neben der Stadt Reutlingen konnten auch die Städte Bonn, Essen, Herrenberg und Mannheim die Bundesregierung mit ihren Konzepten für eine bessere Luft überzeugen. Gemein haben die Pläne der ausgewählten Modellstädte ein günstigeres Ticketangebot sowie eine erhöhte Zahl an Fahrzeugen. Auf diese Weise soll der öffentliche Nahverkehr auch für jene attraktiver werden, die nach wie vor das eigene Auto  bevorzugen.

Zum Start des neuen Fahrplans gab es ein großes Fest in der Gartenstraße

Stadtbus Reutlingen Zum Start des neuen Fahrplans gab es ein großes Fest in der Gartenstraße

Das umgewälzte Fahrangebot bezeichnete Thomas Keck am Sonntagmorgen als „neue Dimension des Nahverkehrs“. Besonderen Dank sprach er dabei seiner Amtsvorgängerin Barbara Bosch aus, unter deren zweiter Amtszeit das Stadtbus-Projekt in die Wege geleitet worden war. Nachdem in den vergangenen sechs Monaten die Gartenstraße zum neuen Knotenpunkt des ÖPNV umgestaltet wurde, hat die Stadt mittlerweile 15 000 Fahrplanhefte in Umlauf gebracht, am ZOB und in der Gartenstraße sind zudem mehrere Promotionsteams unterwegs, die bei Unklarheiten Auskunft geben. Aus Erfahrung mit Großprojekten weiß Keck, dass während der Anlaufphase an einigen Stellen vermutlich Nachbesserungsbedarf entstehen werde. „Dafür bitte ich schon jetzt um Geduld und Nachsicht“, so der Bürgermeister.

Eine Frage der Gewohnheit

Inwiefern das Angebot nun wahrgenommen wird, erwarten nicht nur Stadtrat und Verwaltung, sondern auch der Bund mit Spannung. An der Planie indes schieden sich am Sonntagmorgen die Geister: So ist sich Yvonne Fetter aus Betzingen zum Beispiel sicher, dass die Tochter pünktlich zum Schulbeginn von dem Ausbau des ÖPNV profitieren werde. Was allerdings ihre eigenen Gewohnheiten anbelangt, so stelle der neue Fahrplan für sie keinen ausreichenden Anreiz dar, das Auto stehen zu lassen.

Dirk Welsch, ebenfalls aus Betzingen, kann sich zumindest in seiner Freizeit vorstellen, öfter auf den Nahverkehr umzusteigen: „Aber beruflich muss ich eben nach Stuttgart, und da ist die Verbindung nun mal nicht besser geworden.“ Positive Stimmen waren am Sonntag von einigen Senioren zu vernehmen, die allerdings ohnehin fleißige Nutzer des ÖPNV sind. Für Unmut sorgt dagegen bei Einwohnern wie Manuela Traub die Verlegung des Zentrums hin zur Gartenstraße. Sie hat es nun trotz zahlreicher neuer Haltestellen deutlich weiter zum Bus.

Trotz gemischter Gefühle seitens der Einwohner ist sich die Bezirksbürgermeisterin aus Gönningen, Christel Phal, über den Mehrwert des neuen Fahrplans gewiss: „Ich war früher eher mit dem Auto unterwegs, weil die Linie 5 nur stündlich gefahren ist. Jetzt kommt sie alle 20 Minuten“, freut sich Phal.

Weitere Infos zum Start des erweiterten Reutlinger Stadtbusverkehrs.

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Tausend Exemplare des grünen Fahrplanheftes hat die Stadt drucken lassen. Weitere Informationen können in der Mobilitätszentrale in der Eberhardstraße eingeholt werden.