„Kannst du nicht dazu stehen, dass du sitzt?“: Moritz bändelt im Flirtchat mit Anna-Lena an, will sich aber noch nicht als Rollstuhlfahrer outen. Also machen seine „hilfsbereiten“ Mitbewohner Nägel mit Köpfen, hacken sich in seinen Computer und behaupten, dass er Sänger einer Rockband sei. Um der Wirklichkeit nachzuhelfen, wird schnell eine abgehalfterte Combo aus der Fußgängerzone angeheuert, die mit Moritz und seinen Mitbewohnern in kürzester Zeit ein Konzertprogramm zu stemmen hat.

Thomas B. Hoffmann hat die lustigen, selbstironischen, authentischen, wortspielerischen und manchmal auch sehr poetischen Szenen verfasst. Denn ganz wie im richtigen Leben wird auch in dieser Chaos-WG ständig durcheinander gequatscht, gibt es Stress wegen Haushalt, zu wenig Privatsphäre, dem robusten Umgang untereinander und des Kühlschranks, der nachts abgeschlossen werden muss, weil er sonst geplündert wird. Aber die Bewohner verlieren sich beileibe nicht nur im Alltagskleinklein, sondern widmen sich auch großen Visionen und basteln unter anderem an einer Petition für mehr Respekt, Personal und Barrierefreiheit für Menschen mit Handicap.

So agieren auf der Tonne-Bühne lauter liebenswerte Figuren mit schrulligen Ticks. Jochen Rominger wedelt als running gag ständig mit einem Essensgutschein, jemand anders hat im Internet eine Sexpuppe bestellt, so dass Sozialarbeiterin Johanna (Chrysi Taoussanis) völlig gestresst durch die Szenerie rennt und mit der Sozialbürokratie kämpft, während sich ihre Kollegen ständig krank melden und der Wohngruppenleiter selbstverständlich ein Komplett-Versager ist. Und so sind die Szenen mit den so originellen wie griffigen Dialogen mitten aus dem Leben gegriffen.

Regisseur Enrico Urbanek hat sie liebevoll choreografiert, so dass auf der Bühne immer Bewegung und Augenschmaus ist: Alltag, Energie und Lebenslust. In der Mitte steht der Riesenkühlschrank, als Tür zu einer anderen Welt, von der nicht nur die „Normalos“ träumen, sondern auch die WG-Bewohner, die ja noch mit ganz anderen Hindernissen zu kämpfen haben. Nicht zuletzt mit sich selbst: Moritz (Seyyah Inal) vergeigt natürlich die Liebesgeschichte, weil er sein potenzielles Glück gar nicht fassen kann. Und er ist sauer auf seine WG, die sich in alles einmischt: „Das sind Momente, wo mich meine Behinderung ankotzt. Ich kann‘s akzeptieren, dass ich auf fremde Hilfe angewiesen bin und kann Schmerzen aushalten. Aber nicht, dass man mir nicht die Wahrheit sagt“.

Neben dem Kühlschrankmonstrum befindet sich das Parallel­universum der mindestens genauso streitlustigen wie erfolglosen Rock‘n‘Roll-Band: Sie sind alt und brauchen das Geld, das ihnen von Klara (Anne-Kathrin Killguss) angeboten wird, wenn sie beim inklusiven Rockprojekt für Moritz mitmachen.

Aber Thomas B. Hoffmann ist als Gitarrist mit der schrulligen WG ziemlich schnell überfordert: Die Leute können keine Instrumente spielen, nicht bis vier zählen und nur heulen wie die Wölfe. Da müssen auch die eingefahrenen Altstars ein wenig umdenken, bis jeder so seinen musikalischen Part gefunden hat.

Am Ende steigt aber trotz allen Hindernissen eine grandiose Rockshow: Sam (Santiago Österle) rappt wie ein profimäßiger Ghettofreak, Anastasia Rottenmeyer (Franziska Schiller) kommt zu ihrem großen Auftritt, indem sie zu einer ruhigen Nummer mit der Aludecke aus dem Erste-Hilfe-Kasten raschelt und Jenny (Gabriele Wermeling) zeigt mit einer lieblich dahingeflöteten Weise und ihrer wutentbrannten Rockröhre, dass nicht nur Menschen, sondern auch Songs unter Schizophrenie leiden können. Da hilft nur noch „Ritalin, Fluanxol, Haloperidol, Zyprexa“ – ein wirklich durchgeknallter Psychopharmaka-Hit. Denn ganz ohne Drogen geht’s natürlich auch im Handicap-Rock‘n‘Roll nicht. Und trotzdem: Keep On Rolling. Und so ist der Tonne dieses Mal wirklich ein großer Wurf gelungen, mit vielen Gags, drolligen Szenen und abwechslungsreicher Musik von Bernd Wegener (Schlagzeug), Michael Schneider (Bass, Geige) und Thomas B. Hoffmann (Gitarre), die außerdem für Chrysi Taoussanis zwei tolle lyrische Balladen geschrieben haben.

Und wenn die Darsteller nicht flöten, singen, rappen oder rascheln, dann tanzen sie, rocken den Saal und verbreiten gute Stimmung. Allen voran natürlich der coole Rocky (Bahattin Güngör), der dieses Mal mit Sonnenbrille und Lederjacke den Damen im Publikum den Kopf verdreht: „Musik aus einer andern Welt“ eben.

Termine und Karten


„Irre ist menschlich – eine musikreiche Lovestory aus dem prallen Leben“ von Thomas B. Hoffmann, in der Planie 22. Weitere Termine: 6., 12., 13., 14., 18., 19., 20. ,21., 25., 26.und 27. Mai, sowie 27. Juni beim „Kultur vom Rande“-Festival, jeweils 20 Uhr, außer: 21. Mai. 16 Uhr (plus Werkstattgespräch), 20. Mai und sonntags 18 Uhr.

Karten gibt es unter Telefon (0 71 21) 9 37 70. kk