Reutlingen Roberto Paternostros Debüt in der Stadtalle mit Wagner & Strauss

Reutlingen / OTTO PAUL BURKHARDT 15.05.2013
Auch für Filmfans wars ein Ereignis. "Schtonk", "Apocalypse Now", "Odyssee im Weltraum": alles an einem Abend. Roberto Paternostro dirigiert Wagner und Strauss in der Stadthalle - so viel Klangzauber war selten.

Anders gesagt: Es war ein Fest, ein Sinnenrausch mit magischen, triumphalen, strahlenden und stellenweise schwer orgiastischen Klängen. Die beiden Richards eben: Wagner und Strauss. Die volle Dröhnung. Große Oper und "Symphonischer Optimismus" (frei nach Strauss). Mit allem Drum und Dran, mit brausenden Orgelsounds, sinnlich flirrenden Streichern, sangseligen Holzbläsern und fett bratzendem Blech.

Große Orgel? Nein, die Stadthalle besitzt keine, obwohl eine solche eigentlich zur Grundausstattung besserer Konzertsäle gehört. Doch sie hätte den klar kalkulierten Kostenrahmen der Halle gesprengt. So behalf sich die Philharmonie - wie andere Orchester ohne Saalorgel - mit einem digitalen Leihinstrument, das jetzt gleich bis zum 17. Juni da behalten wird: Da nämlich kommt sie bei Mahlers gigantischer Auferstehungs-Sinfonie wieder zum Einsatz. Kurzum, die Philharmonie musste für Paternostros Wunschprogramm auch bei den Bläsern und Streichern aufstocken.

Selbst für den weltläufigen Roberto Paternostro, der erst kürzlich einen spektakulären "Ring" am Teatro Colón geleitet hat, war es ein besonderer Moment. Schließlich hat er als Generalmusikdirektor das Reutlinger Orchester zehn Jahre lang auf europäisches Niveau hochgetrimmt. Vor allem: "20 Jahre habe ich auf diese Halle gewartet", meinte der Wiener Maestro, offensichtlich begeistert vom neuen Konzertsaal, am Montag vor total ausverkauftem Haus. Wenn er den Taktstock hebt, wird spürbar: Wagner und Strauss - da fühlt er sich zu Haus. Schon bei Wagners Ouvertüre zu "Rienzi" zeigt sich: Paternostro lässt es nicht einfach krachen, sondern entfaltet eine brillant durchhörbare, feingliedrige Breite des Klangs. Und mit "Rienzi", der ja treffend als "beste Oper Meyerbeers" bezeichnet worden ist, sind wir auch mitten drin im ewigen Wagner-Dilemma - zwischen Faszination durch die Musik und Schauder angesichts der fatalen antisemitischen Grundhaltung Wagners, obwohl er im Falle "Rienzi" kräftig und ungeniert beim jüdisch verwurzelten Meyerbeer "geguttenbergt" hat, wie man heute sagt.

Paternostro zeigt, dass die lange für "Spiegel-TV" vertrailerte Ouvertüre mehr zu bieten hat als die berühmten Doppelschläge, die oft zerdehnt, verschmockt bis altertümelnd rüberkommen: etwa sehnsuchtsvoll von der Philharmonie aufgeladene Streichermelodien. Gut, in Sachen Akustik gibt es noch immer kleine Baustellen. Beim Konzert saßen die Bratschen wieder rechts, was gute Resultate zeitigt, doch die Dominanz des Blechs deckt den Rest oft über Gebühr zu.

Dann der "Karfreitagszauber" aus "Parsifal" - besser als die Bayreuth-Versionen unter Daniele Gatti (zu Stefan Herheims Regie), und mindestens so gut wie Adam Fischer (bei Schlingensief). Paternostro zelebriert mit den Württembergern ein geradezu atemraubendes Streicher-Pianissimo, das raunt und webt und blüht und leuchtet. Die Oboe (Dennis Jäckel): auratisch. Insgesamt: Das Beste vom Orchester seit langem. Bei der "Tannhäuser"-Ouvertüre lässt Paternostro die häufig kraftmeierisch überladene Blech-Hymne zwar mit entsprechendem Wumms, aber doch auch erfreulich federnd vorbeiziehen (schön auch Uwe Stoffels glutvolle Klarinette) und dreht dann bei der Venusberg-Musik vollends auf: vibrierende, aufreizende Sinnlichkeit an der Grenze zum ekstatischen Furor. Grandios gemacht.

Nach einem klangsolide absolvierten "Walkürenritt" präsentiert das Orchester dann Richard Straussens Mega-Partitur "Also sprach Zarathustra", deren Dimensionen auch den ambivalenten Größenwahn der Nietzsche-Philosophie spiegelt. Die Philharmonie zeigt unter Paternostro aber auch das ganze, lebenspralle Panorama dieser Komposition, deren Thema für alles Mögliche schon angeschnorrt wurde: von Debilfilmen wie "Werner - Beinhart" bis hin zum Funk-Jazz eines Deodato. Was soll man sagen bei solcher Klangfülle? Gut, es gibt tollere Sonnenaufgänge (in der "Alpensinfonie" etwa oder in Ravels "Daphnis"). Aber sonst: Die Walzerparodien, das berührende Grablied, die wahnwitzige Nacht - das Zusammenspiel von Spielfreude, Präzision, Schlagkraft und magischen Augenblicken funktioniert exzellent.

Alle, das Blech (mit einer winzigen Ausnahme zu Beginn des Konzerts), das Holz, die Streicher glänzten auch mit solistischen und kammermusikalischen Einlagen, mit Terzensüße und Schmackes (Fabian Wettstein) - bis hin zum finalen kollektiven Klangrausch. "Symphonischer Optimismus", stark inszeniert. Paternostro evoziert Emotionen nicht wie viele Kollegen durch Pultgekasper: Nein, er ist und bleibt ein erfahrener Organisator großer Gefühle, einer, der programmatische Tiefenschärfen hervorholt und dramaturgisch großherzig in weiten Bögen denkt. Einer, der beim Dirigieren den Selbstdarsteller vergisst, ganz in der Musik aufgeht - und verdammt gut klangzaubern kann.

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