Bei seiner ersten Mitgliederversammlung im neuen Jahr hat sich der Reutlinger SPD-Ortsverein mit großer Mehrheit gegen die Aufnahme von Verhandlungen für eine große Koalition im Bund ausgesprochen. Nach über zwei Stunden intensiver Diskussion stand für über 80 Prozent der anwesenden Parteimitglieder fest, dass die in den Sondierungsgesprächen erzielten Ergebnisse keine ausreichende Basis für eine Koalition mit CDU und CSU böten.

„Auch wenn einige wichtige Anliegen der SPD in das Sondierungspapier verhandelt wurden, fehlt mir eine klare Zukunftsvision für dieses Land“, kritisierte die Kreisvorsitzende Ronja Nothofer. „Diese wird durch die Unionsparteien blockiert.“

Harte Kritik fand auch das Kommunikationsverhalten der Sondierer: „Da lassen sie sich eine konkrete Höchstanzahl von Flüchtlingen in das Papier schreiben und stellen sich danach hin und behaupten, das wäre keine Obergrenze. Aber was soll dann diese Zahl? Angesichts solcher rhetorischer Ticks braucht man sich doch nicht zu wundern, wenn die Leute das Vertrauen verlieren“, sagte der Vorsitzende des Ortsvereins, Boris Niclas-Tölle. „Ich nehme die Zerrissenheit innerhalb der Partei wahr, deshalb wünsche ich mir wie angedacht ein endgültiges Mitgliedervotum zum Verhandlungsende“, unterstrich der Reutlinger Landtagsabgeordnete Ramazan Selcuk.

Die Reutlinger Stadträtin Edeltraut Stiedl zeigte sich beeindruckt von der insgesamt kontroversen, aber zugleich konstruktiven und ernsthaften Diskussion: „Gestern war ich noch schweren Herzens der Meinung, es gäbe keine Alternative zur großen Koalition. Angesichts der breiten Ablehnung vor allem seitens der jüngeren Parteimitglieder hat mich die Diskussion heute Abend aber überzeugt, dass wir so nicht in eine Koalition gehen können. Auch wenn die Alternative alles andere als einfach wird.“