Seit einer Woche besetzt eine größere Gruppe ein leerstehendes Haus in der Kaiserstraße in Reutlingen. Sie wollen auf die vielen leerstehenden Wohnungen und die generelle Wohnungsknappheit in Reutlingen aufmerksam machen. Die Gesellschaft für Wohnungs- und Gewerbebau (GWG) hatte der Protestgruppe in der letzten Woche ein Ultimatum gesetzt, dass sie das Haus bis zum Freitag den 31. Mai wieder verlassen müssten, ansonsten wollte die GWG Anzeige erstatten. Bislang bleiben die Hausbesetzer allerdings anonym, sie haben Angst vor der rechten Szene. Die Räumung durch die Polizei wurde erstmal vertagt, die Hausbesetzungsgruppe selbst sagt, sie sehen sich als friedliche Gruppe und wollten nur Unruhe in die Politik bringen und auf das bestehende Problem aufmerksam machen. Sollte es zu einer Räumung kommen, würde diese laut den Hausbesetzern gewaltfrei ablaufen.

Die „Crew“, so nennt sich die Gruppe, die in der Kaiserstraße 39 wohnt, hat bisher einiges an Unterstützung erhalten. „Mit soviel Zuspruch haben wir gar nicht gerechnet, aber es ist umso schöner zu sehen, wie viele sich mit uns für so ein wichtiges Thema engagieren,“ erzählt der 25-jährige Paul. Die „Crew“ hat sich seit letzter Woche noch um einiges vergrößert. Am Anfang zogen rund zehn Leute in die Kaiserstraße ein. Mittlerweile sind tagsüber bis zu 30 Menschen da und auch die, die über Nacht bleiben sind mehr geworden. Diese sind im Alter von 15 bis 34. Viele andere Unterstützer, die am Tag kommen, sind zwischen 50 und 80 Jahre alt. „Es ist toll zu sehen, wie mehrere Generationen für diese Sache zusammenarbeiten,“ sagt ein Hausbesetzer. Die Crew-Mitglieder schlafen nicht nur in der Kaiserstraße, sondern renovieren das Haus auch in der Zeit, in der sie dort wohnen. Für Strom und Wasser will die Gruppe nach der Besetzung aufkommen.

Unterstützung durch Nachbarn

Auch viele Nachbarn unterstützen die Hausbesitzer, sie bringen Essen, Bier und Möbel vorbei, um es den Besetzern gemütlicher zu machen. Die Nachbarn und viele andere Sympathisanten treffen sich auch beim Nachbarschaftsgrillen, dass die „Crew“ ausrichtet. Um die 60 Menschen sind gekommen und grillen gemeinsam und unterhalten sich. Dass sei schön zu sehen und zeige, dass die Menschen hier in der Oststadt einen Ort zum Zusammenkommen bräuchten, sagen die Hausbesetzer. „Viele Menschen kommen auch unangemeldet vorbei und wollen sehen, was wir hier machen,“ erzählt ein Mitglied der „Crew“.

Das Nachbarschaftsgrillen, dass die „Crew“ veranstaltet, ist gut besucht.
© Foto: Luisa Scheurer

Die Truppe wird wohl noch einige Tage im Haus bleiben. Für die nächste Woche wurde ein Verhandlungstermin mit der GWG ausgemacht, bei der über die Zukunft vieler leerstehender Häuser und das Problem der generellen Wohnungsnot in Reutlingen gesprochen werden soll. Die „Crew“ will konkrete Lösungsvorschläge hören. Es gab bereits in der vergangenen Woche ein Gespräch zwischen den beiden Parteien, bei dem die GWG der „Crew“ Verhandlungsmöglichkeiten zusicherte. Trotzdem war die Unterhaltung mit der GWG für die Besetzer noch nicht viel versprechend genug.

Auch viele Politiker haben schon die Kaiserstraße in der letzten Woche besucht. Unter anderem Mitglieder der FDP und CDU, aber auch Angehörige der SPD und der Freien Wähler. Die Linke habe die Hausbesetzung bisher auch sehr unterstützt. „Die Politiker sehen das Problem und verstehen, wieso wir das machen. Sie hören uns zu und einige haben uns bereits zugesichert, dass sie unsere Themen im Gemeinderat thematisieren werden,“ erzählt Paul.

Auch der Oberbürgermeister Thomas Keck war bereits letzte Woche da und führte ein friedliches Gespräch mit den Hausbesetzern. Er wollte auch zum Nachbarschaftsgrillen kommen und nochmal Gespräche mit der „Crew“ führen. Wie es weitergeht, wird sich nächste Woche bei den Verhandlungen mit der GWG zeigen, solange bleibt die „Crew“ erstmal in der Kaiserstraße und renoviert solang weiter das Haus.

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