MARKENBILDUNG Reutlingen: Auf dem Weg zur Marke

Reutlingen / Von Ralph Bausinger 17.01.2018

Schwungvoller Auftakt des Reutlinger Markenbildungsprozesses: Bundeskanzlerin Angela Merkel schwäbelte ebenfalls wie Wladimir Putin und Queen Elizabeth II. auf der Leinwand. Sie sprachen darüber, wie sie Reutlingen wahrnehmen. In Wahrheit war es die Stimme des Reutlingers Dominik „Dodokay“ Kuhn, die in der mit über 700 Besuchern gut gefüllten Stadthalle zu hören war.

Als Moderator hatte die Stadtverwaltung Helge Thun verpflichtet. Mit flotten Sprüchen sorgte der gebürtige Kieler und Wahl-Tübinger für beste Unterhaltung. Seine Vorschläge für die Marke Achalmstadt – „Reutlingen – mir gebet nix“ oder auch „Reutlingen – das Bielefeld des Südens“ erwiesen sich noch nicht ganz ausgereift. Kleine Bosheiten gegenüber seiner Wahlheimat konnte sich der Comedian ebenfalls nicht verkneifen: „Reutlingen – kein OB auf Facebook“.

Ganz stimmig war Thuns Aussage am Dienstagabend allerdings nicht, schließlich wurde die Veranstaltung und damit auch Barbara Boschs Rede live auf Facebook übertragen.

Die Rathaus-Chefin legte dar, dass es in diesem Prozess um die subjektive Wahrnehmung der Menschen gehe, um das Bild, das sich die Leute von .Reutlingen machen, das sich in ihren Köpfen abbilde: „Was denken die Menschen? Wofür steht diese Stadt?“ Die Achalmstadt wachse, also müsse sie etwas haben, das sie für Altreutlinger ebenso wir für Neubürger attraktiv und lebenswert mache – „etwas, was es so woanders nicht gibt“, wie Bosch ausführte.

Um dies herauszufinden, setzt die Stadtverwaltung auf die Meinung der Bürger: „Die Experten auf unserem Weg zur Marke Reutlingen sind die Reutlingerinnen und Reutlinger und die Menschen aus der Region“, führte die OB aus. In einer großen Bürgerbefragung, die im März beginnt, müssten erst die notwendigen Erkenntnisse gewonnen werden: Erst die Analyse, dann die Strategie“, betonte Bosch. Sie widersprach auch Aussagen, welche die Befürchtung zum Ausdruck brachten, dass der Stadt eine Marke aufgezwungen und ihr damit jeder Freiraum genommen werde, eine eigene Identität und einen eigenen Charme zu entwickeln.

Der gesamte Markenbildungsprozess sei unabhängig, neutral und objektiv. Es sei der Prozess einer ganzen Stadt, nicht einzelner Akteure oder Interessengruppen, betonte die Rathaus-Chefin. Sie warnte aber auch vor überzogenen Erwartungen. Nicht alle Themen und Erwartungen ließen sich in den jetzt gestarteten Prozess integrieren, es blieben noch genügend Themen für Kommunalpolitik und Stadtgesellschaft übrig. Reutlingen sollte, so die Oberbürgermeisterin weiter, seine Vorzüge herausstellen und mit ihnen nach innen und außen werben – gerade auch, um im Wettbewerb mit anderen Städten bestehen zu können.

„Eine Stadt ist eine Marke, ob sie will oder nicht. Die Entscheidung ist daher nicht für oder gegen eine Marke, sondern nur ob man sie strategisch nutzt oder brach liegen lässt“, zitierte Peter Pirck, Geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger Agentur Brandmeyer Markenberatung, Dr. Sebastian Zenker, Professor für Stadtmarketing an der Copenhagen Business School. Die hanseatische Agentur hat schon einige Städte im Markenbildungsprozess begleitet – unter anderem Hamburg, Wien, Münster, Lübeck und auch Bielefeld.

Die Stadt müsse die richtigen Gegebenheiten ins Schaufenster stellen“, unterstrich Pirck. Folglich müsse man am Anfang durch eine Bürgerbefragung herausfinden, was die Achalmstadt attrativ mache. Wichtig sei hier, konkrete Stärken zu benennen. Der Markenbildungsexperte empfiehlt zudem, sich auf wenige Themenfelder zu fokussieren statt nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen. „Wir können Sie nur unterstützen: Entscheidend ist Ihr Interesse, ihre Mitwirkung“, appellierte Pirck an die Reutlinger Bürger, die in die Stadthalle gekommen waren.

Mit Improvisationstheater endete der Abend: Uli Boettcher und Bernd Kohlhepp widmeten sich erst Robin Hood im Kreuzeicheforst, ehe sich Kohlhepp zur großen Freude des Publikums als Hula Woop, als ein hawaiianischer Experte mit chinesischen Wurzeln, äußerst kompetent mit Fragen der Markenbildung auseinandersetzte. Und dabei kongenial von Uli Boettcher übersetzt wurde.

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