WIRTSCHAFTSFÖRDERUNG Reutlingen wird Weltraumstadt

Reutlingen / Von Ralph Bausinger 13.04.2018

Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut sprach von einem „neuen Meilenstein in der Start-up-Community von Baden-Württemberg“, und IHK-Präsident Christian O. Erbe rief die „Weltraumstadt Reutlingen“ aus. Gut 100 Gäste, darunter auch der frühere Astronaut Ernst Messerschmid, waren gestern Nachmittag zur offiziellen Eröffnung des „Business Incubation Centres“ (BIC) der ESA gekommen.

Mit dem ESA-BIC, der bei der IHK Reutlingen angesiedelt ist,  wird die Achalmstadt zu einer Außenstelle der Europäischen Weltraumagentur. Gemeinsam mit dem bestehenden ESA BIC in Darmstadt bildet man künftig gemeinsam das „ESA BIC Hessen & Baden-Württemberg“. In Gebäude 3 des Technologieparks Tübingen-Reutlingen sollen in den kommenden vier Jahren bis zu 30 Gründer in einer Art Brutkasten ihre Geschäftsideen rund um Weltraumtechnologien wie Materialforschung oder Navigations- und Kommunikationstechnik entwickeln und realisieren können. Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau unterstützt das Vorhaben mit bis zu 750 000 Euro.

Die Raumfahrt sei nicht nur ein wichtiger Motor für Innovationen, sie entfalte auch eine enorme Hebelwirkung für andere Wirtschaftsbereiche, betonte Hoffmeister-Kraut. Dies gelte gerade im aktuellen Transformationsprozess in eine digital vernetzte Welt. Dienste und Technologien der Raumfahrt erschlössen neue Potenziale und Geschäftsideen. Die ESA-BICs seien, betonte die Ministerin in ihrer Rede, ideale Inkubatoren für solche Start-ups. „Die Gründerinnen und Gründer werden zeigen, wie sich Technologien, die aus der Weltraumforschung kommen, ganz irdisch in Produkte und Dienstleistungen übersetzen lassen.“ Dies sei ein wichtiger Schritt, um Baden-Württemberg noch stärker als Gründer-Standort sichtbar zu machen.

Für die European Space Agency (ESA) wies Frank M. Salzgeber darauf hin, dass schon heute in vielen Produkten Raumfahrt steckt. „Navigation, Erdbeobachtung und Raumfahrt-Technologie werden längst von Firmen genutzt und finden sich bei vielen Einsatzzwecken – vom Auto bis zum MRT-Scanner im Krankenhaus“, wie der Leiter des Technologietransfers betonte. In den vergangenen Jahren sind rund 600 Firmen aus den BICs und dem europäischen Investment in die Raumfahrt entstanden. „Jeder kann die Sterne erreichen. Man muss nur ein bisschen Raumfahrt dazupacken“, sagte Salzgeber.

Aus Erbes Sicht ist die Eröffnung des ESA-BIC in Reutlingen ein logischer Schritt: Seit über zehn Jahren organisieren die IHKs in Baden-Württemberg den Landeswettbewerb der „European Satellite Navigation Competition“, mit dem Ideen zur Nutzung von Satellitennavigationsdaten prämiert werden. „Wir leben in Zeiten der Digitalisierung,  und dafür benötigen wir Geschäftsmodelle, die unsere Wirtschaft weiter modernisieren und auf einem Spitzenplatz in der Welt halten“, sagte der Präsident der IHK Reutlingen und Vizepräsident des Baden-Württembergischen IHK-Tags. Aus der Perspektive der IHK Reutlingen sei insbesondere ein Aspekt sehr wichtig: „dass wir den Technologietransfer nicht am Angebot neuer Technologien, sondern am Bedarf der Unternehmen ausrichten“. In den kommenden vier Jahren werde es vor allem darum gehen, „dass die frischen Ideen aus dem ESA-BIC laufen lernen und mit der Unterstützung der zahlreichen Partner groß werden“, betonte der IHK-Präsident.

Die Eröffnung des Busines Incubation Centres bildete gleichzeitig den Auftakt für das Netzwerk „Hochpräzise Echtzeitnavigation Baden Württemberg“ von Unternehmen und Hochschuleinrichtungen. Diese im Englischen „Real Time Kinematic“ (RTK) genannte Technologie soll für neue Anwendungen im Bau, konkret dem Tiefbau, im Logistikbereich sowie im Rettungswesen im Netzwerk RTK Baden-Württemberg gemeinschaftlich besser genutzt werden. Ferner startete der Landeswettbewerb der „European Satellite Navigation Competition“ (ESNC), für den die IHK Reutlingen bereits seit 2007 die Organisation innehat.

Die Welt befinde sich in einem rasanten Wandel, unterstrich Dr. Dietmar Pilz, Leiter des Standorts der Airbus Defence and Space in Friedrichshafen. Daher sei ein Entwicklungs- oder Innovationsstillstand gleichbedeutend mit Rückschritt. „Wir brauchen kreative Köpfe, die neue Wege gehen.“ Diese Köpfe sollen sich jetzt in Reutlingen wie auch in Friedrichshafen an die Arbeit  machen.

ESA, BICs und Start-ups

Die Europäische Weltraumagentur (ESA) verfügt derzeit europaweit über 22 „Business Incubation Centres“ (BIC) an 40 Standorten. Sie unterstützt in diesem Jahr insgesamt 160 Start-ups mit 160 Millionen Euro. „Damit sind die ESA-BICs das größte Raumfahrt-Start-up-Netzwerk der Welt, betonte gestern Frank M. Salzgeber, Leiter Technologietransfer der ESA mit Sitz in Noordwijk.

Die Start-ups sollen jeweils ein bis zwei Jahre in den BICs der ESA bleiben und in dieser Zeit Marktreife erlangen. Als Anschubförderung erhalten die Gründungen 50 000 Euro sowie umfassende Service-Angebote durch Firmenbetreuer vor Ort und das Partner-Netzwerk. Dazu gehören zehn Beratungs- oder Labortage bei Bosch oder Airbus. Im Anschluss an die Phase im BIC sollen die Unternehmen im örtlichen Technologiepark angesiedelt werden. rab

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