Petra Braun-Seitz und Thomas Ziegler hatten sofort die Brisanz der Gemeinderats-Vorlage erkannt. Die beiden Kreisräte der Linken - Ziegler sitzt zudem als Mitglied der RSÖ-Fraktion auch im Reutlinger Gemeinderat - weckten mit ihrer Einladung am Mittwoch dann auch erhebliches mediales Interesse. Als Einzige erläuterten sie gestern direkt, warum die Linke die Separationsbestrebungen ablehnt.

Braun-Seitz fürchtet durch die Ausgliederung funktionierender Aufgabenbereiche in städtische Regie eine Verschlechterung für die Bürger über Jahre hinweg, "das muss alles erst aufgebaut werden". Den politisch-strategischen Aspekt hat Thomas Ziegler im Blick: "Durch die Auskreisung würde der fortschrittliche Teil des Kreistags überproportional geschwächt." Mit dem Auszug der Reutlinger Räte verbliebe ein Kreistag, der "zu vier Fünfteln konservativ wäre, der restliche Landkreis bekäme eine deutlich konservativere Bevormundung".

Die große Zahl der Bürgermeister im Hauptorgan des Kreises ist Braun-Seitz ein Dorn im Auge, es sei "undemokratisch, wenn Bürgermeister über die Kreisumlage entscheiden". Hier steuere die Stadt gegen, denn, so Ziegler, "von den 27 Reutlinger Kreisrätinnen und -räten sind nur zwei Bürgermeisterinnen". Für ihn hat die Großstadt im Gremium zudem "städtische Ausstrahlung in den ländlichen Raum", die mit der Auskreisung wegfiele.

Für Ziegler ist die Aufrechnung der Kreisumlage gegen die Kreisleistungen für die Stadt ein "Nullsummenspiel". Man müsse aber durchrechnen, was der Kreis zusätzlich bei städtischen Einrichtungen wie Tonne-Theater (als Mitgesellschafter), Naturtheater oder Frauenhaus leiste - "warum soll er diese weiterhin fördern?" Ob die Stadt da einspringe, sei fraglich, so "baden die Einrichtungen die städtische Entscheidung aus", befürchtet Ziegler.

Mit der Übernahme aller Aufgaben müssten zudem Doppelstrukturen aufgebaut werden: "Welchen Vorteil bieten zwei Zulassungsstellen für den Bürger?", fragt Ziegler, und "sind zwei Ämter billiger als eines bisher?". Seiner Ansicht machen Aufgabenbereiche wie das Sprengstoffrecht oder die Lebensmittelüberwachung die Stadt "nicht wirklich gewichtiger", sie sind "zentral besser aufgehoben".

Der Restkreis werde von der Größe her nurmehr im unteren Drittel der Landkreise rangieren: "Ist das eine überlebensfähige Struktur mit nur kleineren Städten?" Das Fazit der Linken: "Die Auskreisung gefährdet das Umland entscheidend."

Skeptisch sieht auch Prof. Dr. Willi Weiblen, FDP-Fraktionsvorsitzender im Kreistag und Gemeinderats-Nachrücker, das Thema. Der Jung-Pensionär braucht für eine Entscheidung "eine klare Rechnung, außerdem müssen die Vor- und Nachteile synoptisch nachgewiesen werden - auch rechnerisch". Ein "Riesenproblem" habe man mit den defizitären Krankenhäusern, "darauf darf der Kreis nicht sitzen bleiben", auch die Auswirkungen im Sozialbereich "sind nicht abschätzbar". Entscheidend ist aber, ob der Kreis überlebensfähig sei.

"Vieles spricht für die Auskreisung", sagt dagegen Christdemokrat Andreas vom Scheidt, Kreisrat und Vorsitzender der Gemeinderatsfraktion. Nun brauche man genaue Daten, was alles übertragen werden könne und wie ein Finanzausgleich aussehen könnte. "Grundsätzlich funktioniert das auch bei neun anderen Städten, dann sollte es das bei uns auch." Der verbleibende Kreis wäre in der unteren Hälfte "immer noch gut positioniert, der fällt nicht ins Loch bei der Einwohnerzahl und der Steuerkraft", glaubt er.

Jürgen Fuchs, FWV-Kreisrat und Vorsitzender der Gemeinderatsfraktion, hält die Auskreisung "für die demokratische Form, sich um seine eigenen Funktionen zu kümmern ohne eine zusätzliche Ebene". "Jeder für sich und doch gemeinsam" werden Stadt und Kreis vorgehen, "wir werden keine Mauer erichten, denn wir sind aufeinander angewiesen", werden die Aufgaben gemeinsam und interkommunal lösen.

"Das bringt eine Kommunalpolitik aus einer Hand", erwartet Grünen-Kreis- und Gemeinderat Rainer Buck. Vieles etwa in der Jugendhilfe und Jugendarbeit könnte "aus einem Guss" effizient betrieben werden. Die finanziellen Risiken seien bewältigbar, die Probleme lösbar. Bei den Kreiskliniken steige die Stadt als zweiter Gesellschafter ein. Und "die Rivalitäten zwischen Stadt und Kreis fallen auch weg".

"Dafür kämpfen wir seit 30 Jahren, schon unter OB Kalbfell", sagt der "überglückliche" Sozialdemokrat Ulrich Lukaszewitz, Kreisrat und langjähriger Vorsitzender der Gemeinderatsfraktion. Die Auskreisung biete Gestaltungsmöglichkeiten, damit sei die Stadt "nicht länger mitbestimmt vom ländlichen Raum" - zum Beispiel beim Jugendcafé, dessen Beginn durch den Kreistag lange verzögert wurde. Der politische Einfluss der Bosch-Vorgänger war nicht groß genug für diesen Schritt, "doch die waren auch nicht Präsidenten des Städtetags". Zusammen mit dem Kräfteverhältnis im Landtag "ist das eine Riesenchance für die Stadt". Der Restkreis sei dann immer noch größer als andere, und "die können sich dann über Kreisstraßen in Upflamör unterhalten".