Im Mittelmeer ertrinken Menschen. Für die Evangelischen Kirchengemeinden in Reutlingen und das Asylpfarramt ein untragbarer Zustand. Gerade am Volkstrauertag und in den Tagen zuvor wollen deshalb insgesamt zehn Kirchengemeinden Rettungswesten an Kirchtürmen oder Schaukästen aufhängen, um unter dem Motto „Niemand darf ertrinken“ auf das Schicksal der Flüchtlinge im Mittelmeer aufmerksam zu machen. Auch die Gottesdienste am Sonntag sollen die Seenotrettung thematisieren.

Zeichen setzen

Asylpfarrerin Ines Fischer betont, das Thema sei für die Reutlinger Kirchengemeinden nicht neu, schließlich sei man bereits seit vielen Jahren in der Asyl- und Flüchtlingsarbeit tätig. Aber es gehe darum, immer wieder Zeichen zu setzen und auf das Schicksal derjenigen aufmerksam zu machen, die sich aufs Mittelmeer begeben. „Kein Mensch, der sich auf den Weg nach Europa macht, soll im Mittelmeer sterben.“ Für Fischer und ihre Mitstreiter steht dabei nicht weniger auf dem Spiel, als die Grundwerte Europas und der Europäischen Union.

Dass gerade am Volkstrauertag diese Aktion für Aufmerksamkeit sorgen will, ist kein Zufall. „Es geht uns nicht darum, diesen Tag anders zu besetzen. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass auch heute noch viele Menschen auf der Flucht vor Krieg sind.“

Zehn evangelische Kirchengemeinden sowie das Asylpfarramt sind an der Aktion beteiligt. Neben der Neuen Marienkirchengemeinde sind dies die Kreuzkirche, die Kirchen im Bezirk Reutlingen West-Betzingen, die Kirchen in Sondelfingen, Rommelsbach, im Hohbuch und in Ohmenhausen, die Auferstehungskirche, die Hochschulgemeinde und die Citykirche. „Es geht uns darum, Menschen sichtbar zu machen, die sonst unsichtbar sind“, sagt Pfarrerin Astrid Gilch-Messerer von der Kreuzkirche. Ebenso müsse man an den Ursachen arbeiten. „Wir müssen unsere Weltpolitik verändern, damit Menschen in ihren Heimatländern sicher leben können.“ Pfarrerin Cornelia Eberle von der Citykirche will gerade am Volkstrauertag daran erinnern, „dass wir eine aktuelle Verantwortung haben“. Sie kritisiert in diesem Zusammenhang die Waffenlieferungen der Bundesrepublik. Pfarrer Martin Burgenmeister von der Kirchengemeinde West-Betzingen sieht es so: „Das alles hängt mit viel Schuld zusammen. Und wir müssen uns dem stellen.“ Er sieht es deshalb als wichtiges politisches Zeichen, gerade am Volkstrauertag dieses Thema aufzugreifen. Pfarrer Michael Dullstein von der Hohbuchgemeinde betont: „Wir sehen die Not. Und diese Not erlaubt keine andere Antwort auf die Frage, ob geholfen werden muss.“ Dabei wäre durchaus mehr möglich, betont er. So gebe es in anderen europäischen Ländern bereits Organisationen, die übernationale Pässe für Flüchtlinge einfordern. Die jetzige Aktion setze deshalb nicht nur ein Zeichen, sondern hole auch Menschen zusammen, die gemeinsam etwas bewegen können.

Stadt als „Sicherer Hafen“

In Rommelsbach steht das Thema Seenotrettung bereits am Freitag, 15. November, im Mittelpunkt des Friedensgebetes. Die Neue Marienkirchengemeinde lädt diesbezüglich am Dienstag, 19. November, zum „Politischen Nachtgebet“ ein. In den teilnehmenden Kirchengemeinden geht es am Sonntag, 17. November, im Gottesdienst um Hintergründe und Hilfsmöglichkeiten für Flüchtlinge in Seenot.

Eine Rolle wird dabei sicherlich auch spielen, dass der Reutlinger Gemeinderat bereits im April beschlossen hatte, die Stadt zum „Sicheren Hafen“ zu erklären und Flüchtlinge aus Seenot aufzunehmen. Auch wenn dies wiederum eben nur als politisches Zeichen zu sehen ist, schließlich entscheidet das Innenministerium über die Verteilung der Flüchtlinge. Ines Fischer und ihren Mitstreitern liegt dennoch daran, dieses Thema wieder in den Mittelpunkt zu rücken.

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Wannweil/Reutlingen