Aktionstag Retter mit blechernem Röcheln

Lichtenstein / Von Evelyn Rupprecht 17.04.2018

Das Schnaufen, das Christian Gubler von sich gibt, klingt nicht gerade gesund. Es ist ein tiefes Röcheln mit leicht blechernem Einschlag. Aber nicht nur deshalb starren ihn die Mädchen, auf die er zugeht, entsetzt an. Von seinem Gesicht ist nichts mehr zu sehen und von seinem Körper auch nicht. Helm, Atemschutzmaske, feuerfester Zweiteiler und schwere Stiefel haften an ihm wie Blei, als er sich durch die Lichtensteiner Gemeindebücherei schleppt. „Oh je“, kann eine Neunjährige gerade noch sagen und verschwindet hinter einem Regal. So ist das fast immer, wenn Christian Gubler seinem ehrenamtlichen Job nachgeht: Die Kinder rennen weg – dabei will er ihnen doch die Angst nehmen. Denn wenn’s wirklich mal brennt und die Feuerwehr ins Haus kommt, dann dürfen die, die gerettet werden sollen, sich nicht verstecken vor denen, die ins Zimmer stürmen. „Leider aber kommt das öfter vor“, weiß Gubler. Also geht er in die Offensive und nutzt Veranstaltungen wie den Lichtensteiner Mädchen-Tag, um in voller Montur und mit Atemschutz-Röcheln zu zeigen, dass in dem dicken Anzug einer steckt, der nur helfen will.

Während seine Kollegen den Kindern draußen vor der Bücherei in der milden Spätnachmittags-Sonne ein Löschfahrzeug zeigen, müht sich Gubler, der bei der Lichtensteiner Wehr für die Jugendausbildung zuständig ist, drinnen am Präsentations-Tisch ab. „Das ist eine Wärmebildkamera. Habt Ihr so was schon mal gesehen?“, will er von den Mädels wissen, die vor ihm stehen. Doch die wollen erst die Lollies abgreifen, die auf dem Tisch liegen, bevor sie mit dem jungen Mann ins Gespräch kommen. Tatsächlich könnten sie sich vorstellen, später mal zur Feuerwehr zu gehen.  „Später“ deshalb, weil sie erst acht Jahre alt sind und das Eintrittsalter bei zehn liegt. „Darum wäre eine Kinderfeuerwehr ja auch klasse, da könnten die Jungen und Mädchen schon früher zu uns kommen“, findet Gubler.  Ein Wunschziel von ihm, das gar nicht so realitätsfern ist. Zumal sich auch immer mehr Mädchen für die Feuerwehr interessieren.

Das Motto des Tages „Nur für uns, ohne Jungs“ kommt nicht von ungefähr. „Die Mädchen trauen sich nämlich viel mehr, wenn sie unter sich sind,“ wissen Bücherei-Leiterin Stefanie Lengerer und Schulsozialarbeiterin Maria Pizzitola vom Jugendbüro, die an diesem Montag bereits die neunte Aktion dieser Art zusammen gestemmt haben.

Für beide Einrichtungen, Bücherei wie Jugendbüro, ist der Mädchen-Tag eine Möglichkeit, um in Kontakt mit Kindern zu kommen, die sich sonst vielleicht nicht bei ihnen sehen lassen würden. Gleichzeitig wollen die beiden Veranstalterinnen den Mädchen in Lichtenstein auch einfach mal einen Nachmittag lang etwas Besonderes bieten. Weshalb nicht nur die Feuerwehr mit von der Partie ist, sondern auch die Karate-Gruppe des TV Unterhausen mit ihrem Trainer Nico di Grigoli. Außerdem ist auch noch die Reutlinger Kulturwerkstatt mit einem Trommel-Workshop vertreten. „Und wir haben Kreativ- und Bastelangebote. Die Mädchen können bei uns Ledergeldbeutel und Schmuck herstellen, sich professionell schminken lassen, Tischkicker spielen und sich verkleiden“, zählt Stefanie Lengerer auf. Dazu kommen noch ein Quiz und ein Verpflegungsstand – was alles in allem jede Menge Arbeit für das Bücherei-Team und die Schulsozialarbeiterin bedeutet.

Gut 60 Mädchen ab der ersten Klasse aufwärts sind an diesem Aktionstag erschienen, schätzt Maria Pizzitola, die zusammen mit Lengerer und Co. auch Spielnachmittage und Open-Air-Kinos veranstaltet. Und nicht nur das. „Wir bieten als Ergänzung zu dem Mädchen-Tag im Frühjahr jetzt auch immer einen Jungen-Tag im Herbst an“, berichten die beiden Frauen. „Schlicht, weil die Jungs neidisch geworden sind, als sie gesehen haben, was wir hier den Mädchen immer bieten“.