Reutlingen Resterampe voller Details

Axel Heil (links), hier im Gespräch mit Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele, will auch die Sehgewohnheiten der Ausstellungsbesucher verändern. Foto: Marie-Louise Abele
Axel Heil (links), hier im Gespräch mit Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele, will auch die Sehgewohnheiten der Ausstellungsbesucher verändern. Foto: Marie-Louise Abele
MARIE-LOUISE ABELE 09.03.2012
Mit "Analogue Delay" verwandelt Axel Heil die Städtische Galerie in einen vielteiligen Parcours, der Realitäten ins Wanken bringt. Dabei bedient er sich Zivilisationsresten der Gegenwart.

Er spricht selber aus, welche Assoziationen sich beim ersten Blick des Betrachters manifestieren. "Sperrmüllcharakter" haben die von ihm verwendeten Materialien. Der Karlsruher Künstler, Grieshaber-Verehrer und Professor für experimentelle Transferverfahren, Jahrgang 1965, arbeitet mit Dingen, die ihre beste Zeit gesehen haben, die aus "unserem turbokapitalistischen Verwertungsprozess ausgeschieden sind", wie Axel Heil selbst sagt. Seine Arbeiten sind detailreich, eigenwillig und lassen stutzen - selbstverständlich gewollt, voller Widersprüche und Irritationen. Mit der gleichen Portion Humor und Augenzwinkern, in die der Künstler seine Arbeiten verpackt, sollte sich auch der Betrachter bei seinem Rundgang ausstatten.

Axel Heil habe in dem architektonisch eigenwilligen Raum der Städtischen Galerie einen vielteiligen Parcours geschaffen, in dem die Relation zwischen dem, was wir Realität nennen und den Bildern in unserem Kopf untersucht wird. "Der von ihm geprägte Begriff, den man mit "analoge Verspätung" auch im Gegensatz zu digital, übersetzen könnte, zielt auf eine subversive Hinterfragung der scheinbaren Verfügbarkeit von Echtzeit", sagt Martina Köser-Rudolph vom Städtischen Kunstmuseum Spendhaus.

Für Heil steht im Vordergrund zu ergründen, wie "Bilder" funktionieren, "was durch die Verschiebung in einen neuen Kontext oder die Umwandlung von einem Format in das andere passiert". Sein "Bildbegriff" hat er dabei sehr weit gefasst. Dem Betrachter eröffnet sich ein überreiches Angebot an unterschiedlichsten Medien, wie die klassische Malerei und Zeichnungen, Fotografien auf Leinwänden, eingebettete Videoinstallationen und zahlreiche Objekte und Installationen.

Letztere entwickelt er aus "Zivilisationsresten der Gegenwart" heraus. Es sind Dinge, die aus verschiedenen Kulturen, verschiedenen Zeiten und verschiedenen Nutzungen entnommen sind. Sie weisen stets "Momente des Innehaltens auf, die einen Perspektivwechsel, ein bewusstes Sehen erst ermöglichen", betont Köser-Rudolph. Und so entwickelt der Künstler Heil ungewohnte und überraschende Vernetzungen und Verknüpfungen, "die unsere Rezeptionsgewohnheiten in Frage stellen". Der Betrachter findet sich in einem verwandelten Raum wieder, der Fragen aufwirft. Der Künstler selbst nennt es "ein Spiel mit dem Raum".

So zum Beispiel eine verrottende Banane, denn "Even yellow turns brown", ein eingepferchtes Leuchtkaninchen, das wohl nur größere Menschen zu sehen bekommen, ein Michelin-Männchen mit Kaktus auf dem Haupte, das rauchend auf Schweinchen und Häschen Wakeboard fährt, eine Ausstellung in der Ausstellung, zusammengezimmert aus Schränken und Treppen, in der er anderen Künstlern, Freunden oder auch Vorbildern Raum für ihre etwa 30 Werke gibt.

Woanders zeigt er in Vitrinen eine postale Korrespondenz mit einem Künstlerkollegen - in Zeiten von E-Mails bereits eine "altertümliche Art der Kunst", wie Köser-Rudolph unterstreicht. Was so leichtfertig daherkommt, entwickle sich, sagt Heil, oft erst über Jahre, alle Elemente dafür habe er sehr genau ausgewählt und ihnen ihren Platz zugewiesen.