Angehörige zu pflegen ist kein Zuckerschlecken. "Anders als bei Kindern, weiß man nie, wie lange das dauert und wie schwer die Pflege wird", sagt Hanne Haack-Schweizer. Fast die Hälfte aller Pflegenden nehmen dabei eine Doppelbelastung auf sich - weil sie zusätzlich auch noch ihren Beruf weiter ausüben. "Die meisten Pflegenden melden sich erst bei uns, wenn ihnen die Situation über den Kopf gewachsen ist", betont Cornelia Karl als Leiterin der städtischen Abteilung für Ältere. Was natürlich deutlich früher hätte passieren können, denn: Hilfe ist möglich, betont sie. "Viele wissen ja gar nichts über die Unterstützungsmöglichkeiten, über Gesetze und Ansprüche", sagt Gisela Sütterlin-Kleiser, die ebenso wie Hanne Haack-Schweizer Seminare zu dem Thema "Vereinbarkeit von Pflege und Beruf" leitet.

Schon seit fünf Jahren gibt es dieses Ein-Tages-Seminar, das zunächst vor allem städtische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wahrnahmen. Nach und nach erkannten aber auch andere Arbeitgeber die Bedeutung des Themas, wie Landratsämter in Reutlingen und Tübingen, die Stadtwerke oder auch die Hochschule an der Achalm. "Wir wollen aber auch vermehrt Unternehmen in Wirtschaft und Industrie ansprechen", betont Cornelia Karl. Denn auch dort wird die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege immer mehr zu einem bedeutenden Faktor - für die Mitarbeiter, aber auch für die Firmen.

"Dabei haben viele Beschäftigte immer noch Angst vor einem Karriereknick", hebt Cornelia Karl einen Grund hervor, warum die Pflege von Angehörigen immer noch ein Tabu-Thema ist. "Es ist ja auch einfacher zu sagen, dass mein Kind keine Windeln mehr braucht, als dass der Mutter jetzt welche angelegt werden", sagt Sütterlin-Kleiser. Pflegende selbst vermeiden das Thema, versuchen weiterhin, allen Anforderungen gerecht zu werden - und gehen dabei oft bis an die körperlichen und psychischen Grenzen. Was aber nicht sein müsste, so die Aussage der Fachleute.

"In den Seminaren verbreiten wir viele Informationen etwa über die Möglichkeiten der Pflegeversicherung - viele Teilnehmer wissen gar nicht, dass es ab diesem Jahr bis zu zehn Tage Lohnfortzahlung gibt, wenn man wegen der Pflege von Angehörigen nicht arbeiten kann", so Sütterlin-Kleiser. Andere Inhalte der Seminare sind etwa: "Wie sorge ich für mich, erlaube ich mir selbst, Hilfe anzunehmen, habe ich ein schlechtes Gewissen deswegen, nehme ich die Probleme der Arbeit mit in den Pflegealltag und andersherum?", betont Haack-Schweizer. Allerdings gebe es kein Universalkonzept, wie bestmöglich Beruf und Pflege vereinbart werden können. "Weil jeder Mensch und jede Situation anders ist."

Gerda B. (Name geändert) hat solch ein Seminar vor zwei Jahren besucht. Damals war ihre Mutter noch nicht pflegebedürftig, heute ist sie in Pflegestufe 3. "Vor allem der Austausch mit den anderen Teilnehmern war für mich enorm hilfreich", sagt sie heute. Und die Informationen, wo und wie sie Hilfe organisieren und holen konnte, seien ihr ebenfalls sehr zugute gekommen. Bevor Pflegende aufgrund der doppelten Überlastung krank werden - und sie dann weder der Arbeit im Beruf noch der Sorge um die Angehörigen nachkommen können - sollten sie sich rechtzeitig informieren und Hilfe einholen, so der Tenor bei den Fachfrauen.

Seminar-Termin

Ein paar Plätze sind noch frei beim nächsten Seminar zur "Vereinbarkeit von Pflege und Beruf". Am Mittwoch, 21. Oktober, ist der ganztägige Termin in der Alten Eisenbahnschule in Betzingen. Die Kosten betragen 80 Euro, angesprochen sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in einer Pflegesituation stehen oder sich darauf vorbereiten wollen.

NOL