Die ganze Bühne ist vollgerümpelt mit Tamtams und Tomtoms, Djembés und Darbukas, Gongs und Kuhglocken, Woodblocks und Wind Chimes, Marimba- und Vibraphonen. Perkussive Instrumente aus allen Ecken des Erdenrunds, aus Fernost bis Südamerika, aus dem afrikanischen, arabischen und pazifischen Raum. Kurz, die ganze Welt ist hier präsent. Fast vergessen: Mittendrin steht ein Klavier. Und irgendwo hängen noch so seltsame Teile wie Mülltonnen-Deckel herum – doch davon später. Wenn das alles zum Einsatz kommt!

Doch erst mal tritt der Uracher Kulturreferent Thomas Braun auf die Bühne. Es sei wohl das erste Mal in der Geschichte, flachst er, dass ein Konzert der Herbstlichen Musiktage Bad Urach im Frühling stattfindet. Der Grund: Martin Grubingers Auftritt am 30. September 2018 war krankheitshalber ausgefallen, daher jetzt der Nachholtermin. Braun ergänzt augenzwinkernd: „Der SWR schneidet mit. Husten Sie nicht!“

Nach solch launiger Ansage laufen sie endlich ein, die Glorreichen Sechs des Abends:  Martin Grubinger, der schwedische Pianist Per Rundberg und die vier Mit-Percussionisten Slavik Stakhov, Rainer Furthner, Leonhard Schmidinger und Alexander Georgiev, der manchen noch vom ersten Auftritt Grubingers beim Uracher Musikherbst 2016 bekannt sein dürfte. Alle in Schwarz.

Eine, wie sich weisen wird, bestens aufeinander eingespielte Combo. Klar, Grubinger ist der Zampano. Doch auch seine handverlesenen Mitstreiter zeigen solistische Extraklasse.

Grubinger, weltweit unterwegs und derzeit die Nummer eins der Top-Schlagwerker, zieht junges Publikum wie ein Zauberer an und moderiert noch nebenher das TV-Magazin „KlickKlack“. Ein Massen-Motivator. Ein Hoffnungsträger. Und ein charmanter Gast: In der Stadthalle Reutlingen bedankt er sich vor rund 1000 Besuchern ausdrücklich dafür, dass er das damals geplatzte Konzert hiermit nachholen darf.

Los geht’s mit „Thirteen Drums“ (1985), einem Solo auf 13 Taiko-Trommeln des Japaners Maki Ishii, das in der gestischen Theatralik Grubingers an die rituellen Wurzeln aller Trommelei erinnert: Mutmachen, Beschwören, Kampf, Kommunikation – und Kontakt zu einer anderen, über- und unterirdischen Welt.

Dann einer der Knaller des Abends: das Schlagzeugkonzert „Sieidi“ (2011) des finnischen Sinfonikers Kalevi Aho - der Titel bezeichnet in samischer Sprache Kultstätten, Felsen, Berge. Das Werk ist als spirituelle Wanderung des Solisten angelegt, die mit Djembé- und Darbuka-Rhythmen beginnt und endet. Apropos Geisterbeschwörung: Grubinger achtet darauf, dass das nie in schwülstige Esoterik abdriftet. Schon richtig: Das, was Grubinger & Co. da bieten, ist mehr oder weniger Hochleistungssport. Doch was zählt, ist die unbändige Spielfreude, die schlichtweg mitreißt.

Selbst in dieser reduzierten Konzertversion (das Orchester wird durchs Klavier ersetzt) ist Grubingers Abend eine Weltreise, ein Klangtrip voller Fantasie und Emotionen. Allein das Aho-Konzert ist ein Erlebnis: tiefe Pauken, mächtiges Stabglockengeläut, verschwimmendes Pianissimo, sphärisch gestrichene Vibraphon-Sounds, Woodblock-Geklicker, furiose Marimba-Soli, martialische Schläge – vieles in halsbrecherisch ungeraden Siebener- oder Dreizehner-Metren. Bei Grubinger wird Ahos Konzert zur Achterbahn der Kontraste – von schimmernden Sounds bis zu dröhnendem Donnergetöse. Es endet ganz leise. In einem langen Moment des Nachlauschens, der Stille. Kein Mucks in der Halle.

Und: Niemand hustet. Bis Grubinger lächelt. Tosender Applaus. Eigentlich wäre jetzt Zeit für eine Pause. Doch Grubingers Crew legt noch „One Study“ (2005) von dem Neuseeländer John Psathas nach: massiver Minimal-Sound mit jazzigem Flair. Dabei kommt auch eine ganze „Junk-Percussion-Wand“ zum Einsatz mit Töpfen, Pfannen, Waschtrommeln und Mülldeckeln. Und Grubinger lässt die Bleche scheppern, dass die Halle groovt. Ist das alles noch zu toppen? Ja, denn nach der Pause folgt die „Prismatic Final Suite“, eine locker gereihte Folge der Lieblingsstücke des Vaters Martin Grubinger senior, der als Schlagzeuger am Salzburger Mozarteum lehrt und 2016 beim ersten Auftritt in Urach auch dabei war. Das 45-Minuten-Werk ist vieles: auch ein bisschen Zirkus, eine Show mit hektischen Umbauten bei laufender Musik, ein Kaleidoskop all dessen, was mit Perkussion so geht. Kurz: eine weltumspannende Überflieger-Tour, die mit einem Trommelsolo beginnt und in einem Schlagwerk-Exzess samt rituellem Gruppengebrüll endet. Gut, an den Übergängen könnte noch gefeilt werden. Das Programmblatt war auch nicht auf neuestem Stand. Und das Klavier kann nicht immer das Orchester ersetzen.

Egal, Martin Grubinger fegt mit Turbo-Elan alle Bedenken spielend beiseite. Der Sog dieser Best-of-Auswahl teils aus größeren Werken ist unwiderstehlich. Namhafte Komponisten der Szene sind dabei, oft in pfiffigen Bearbeitungen: John Corigliano mit einem rasanten Intro („Conjurer“), Avner Dorman mit jazzrockigem Crossover („Frozen In Time“), Moderne-Altmeister Friedrich Cerha mit einer wilden Xylophon-Battle, Passagen von Bruno Hartl, dem Pauker der Wiener Philharmoniker, und Keiko Abe, der bekanntesten japanischen Marimba-Komponistin („The Wave“).

Unmöglich, das alles zu schildern – ganz abgesehen von dem irrwitzigen Tempo und dem unglaublichen Feuer, mit dem die Grubinger-Crew das durchzieht. Eine kleine Rock-Einlage zwischendrin fällt da fast wegen Unterkomplexität auf.

Zu den eindrücklichsten Stellen gehört sicher der Jazzklassiker „Afro Blue“ mit einem traumhaften Tasten-Solo von Per Rundberg. Aber auch „Bad Touch“, eine Sequenz mit Leuchtsticks zu abgründigen Stories aus dem Off – ein Höhepunkt, den Grubinger in der total abgedunkelten Halle als choreografiertes Licht-Theater zelebriert.

Packend auch die vom Namensmotiv des Komponisten geprägte Passage aus Schostakowitschs Kammersinfonie op. 110, einem dringlichen Appell gegen Faschismus und Krieg.

Was Grubinger in dieser Suite ausbreitet, ist viel mehr als nur Schlagwerk-Spitzensport, mehr als nur ein Fest gerader und ungerader Metren. Das ist auch ein flammendes Plädoyer für Vielfalt und Diversität, für bunte, zeitgenössische Weltmusik von Havana bis Tokio. Rausch, Ekstase, Meditation, alles dabei. Motto: Rhythmus ist Leben. Grandios!

Fazit: ein denkwürdiger Abend. Spektakulär. Alles, bloß kein mezzoforte. Und Grubinger haut das alles auswendig raus! Stark auch die besinnlich-spirituellen Momente voller Magie. Drei Zugaben: eine Marching Session, ein Ragtime – und Bach, im Dunkel, schemenhaft, ganz leise auf der Marimba. Am Rande der Stille. Beifallstürme, Standing Ovations. Mit solchen Konzerten muss sich der Uracher Musikherbst keine Sorgen um die Zukunft machen.