Wären da nicht die Journalisten gewesen – Thomas Keck hätte den Rathausschlüssel einfach kampflos, ja sogar mit einem Lächeln auf den Lippen an den Männerverein abgegeben. Erst als die Fotografen den Oberbürgermeister nachdrücklich dazu aufforderten, seine Residenz wenigstens ein bisschen zu verteidigen, ruckelte er leicht am Goldenen Schlüssel. Das kleine Aufbäumen allerdings währte nicht lange. Im Nu hatten sich Männerverein und Konsorten Zugang zum Verwaltungsbau verschafft. Was bedeutet: Keck ist dann mal weg.

Bei Autofahrern unbeliebt

Zuvor war es immerhin zu einem kleinen verbalen Schlagabtausch gekommen: Der Schultes mit seiner Entourage oben auf dem Rathaus-Balkon, die Narren unten auf dem Marktplatz. „Die schlechteste Ampelschaltung, die es deutschlandweit gibt, macht dein Reutlingen für Autofahrer total unbeliebt“, musste sich Keck da anhören. „Wir sind die Antriebsmaschine der Region, verfolgen unsere Vision“, hielt der Oberbürgermeister dagegen, um kurz darauf, als die Narren die Treppen zu ihm hochstürmten, im Nu klein beizugeben.

Als das Reutlinger Rathaus am späten Donnerstagnachmittag in Narrenhand überging, da waren die Bürgermeister in Pfullingen, Eningen und Lichtenstein längst entmachtet. In Unterhausen waren die Narren schon am frühen Vormittag zugange: Raus mit dem Schultes aus dem grauen Verwaltungsbau, rein mit ihm ins bunte Narrendorf. Der Kinderumzug durfte in Lichtenstein genauso wenig fehlen, wie in Eningen, wo es punkt 14 Uhr losging.

Pumuckls und Schokoriegel

Die Kleinen – unter anderem als Pumuckls mit knallroten Perücken und glänzende Schokoriegel verkleidet – zogen von den Lumpenkapellen begleitet durch die gesamte Ortsmitte, bevor Häbles-Wetzer und Co. dann in einer konzertierten Aktion die Macht und den Rathausschlüssel an sich rissen.

Fast zeitgleich ging es in Pfullingen zur Sache, wo die Hoagamännle das Rathaus stürmten – begleitet von den fantasievoll verkleideten Kindergarten-Kindern, die sich beim Sturm aufs Rathaus mächtig ins Zeug legten. Wer darauf wartete, dass Pfullingens Bürgermeister Michael Schrenk abgesetzt werden würde, der war allerdings auf dem Holzweg. Der Schultes weilt im Urlaub. Die Narren mussten, oder durften, mit seinem Stellvertreter Martin Fink Vorlieb nehmen.