„Ganz schön leise ist es“, wunderte sich Thomy (38). „Aber wenn die Musik lauter wäre, dann würden die das hier wahrscheinlich gar nicht machen dürfen.“ Zusammen mit seinen beiden Freunden Andi (31) und Daniel (27) besuchte er das 7. Ract!-Festival dieses Jahr nicht zum ersten Mal. Seit Jahren kommen die drei Tübinger hierher, vor allem wegen der Musik – das diesjährige Motto ist ihnen unbekannt.

Es heißt Nachhaltigkeit. Dazu gab es 20 Workshops Freitag- und Samstagnachmittag, in denen es darum ging, das politische Bewusstsein der jungen Leute zu wecken und auch für unbequeme Fragen zu begeistern. „Kochen ohne Knochen“ war etwa der Titel eines Workshops, oder etwa auch „Digitale Nackheit – Dir und Facebook gefällt das!“. Abends gab es dann auf drei Bühnen Reggae, Rock und HipHop auf die Ohren. Zusätzlich war dieses Jahr eine Dub Station mit einem 10 000 Watt starken Soundsystem eingerichtet worden, wo man nachmittags chillen und abends zu Dub-, Roots- und Reggae-Musik tanzen konnte.
 
Hier rauchten am Freitag gegen 20 Uhr drei Mädels eine Shisha vom Stand der Lounge und Bar Esperanto in der Tübinger Wilhelmstraße. Lisa, Susanne und Franziska, alle drei 19 Jahre alt, hatten über einen Kollegen von Franziska vom Ract!-Festival erfahren und waren aus Albstadt angereist.  „Es ist gut, dass das Festival umsonst ist“, meinte Lisa und Franziska fand es sehr „chillig“.
 
Paul (31), Martin (31) und Lutz (34) waren am Samstagabend der Musik wegen aus Stuttgart und Pliezhausen angefahren. Ihnen fiel vor allem das junge Publikum auf. „Und die Leute sind sehr alternativ hier“, meinte Martin.
 
Die einen waren zum Spaß hier, die anderen, um zu arbeiten. So etwa auch Marc Rückheim an der Theke. Er ist erst 16 Jahre alt, dürfte aber mitmachen, weil sie hier nichts hochprozentiges wie Wodka ausschenkten.
 
Hannah war als Ordner zum ersten Mal auf dem Ract!-Festival. Sie sollte darauf aufpassen, dass kein Unbefugter den Helferbereich an der Ostbühne betritt und darauf achten, „dass die Leute keinen Stress machen“. Hannah wohnt in der Nähe des Anlagenparks und wollte schon immer mal mit als Helfer auf dem Open-Air-Festival dabei sein. „Dieses Jahr hat es mich besonders gereizt, wegen dem T-Shirt-Aufdruck und dem Motto Nachhaltigkeit.“
 
Auch der Ortsverein des DRK Tübingen war für die kleineren und größeren Zwischenfälle auf dem Ract! anzutreffen. „Bis jetzt mussten wir nur Pflaster kleben, aber der Abend ist ja noch jung“, erklärte F. Ernst gegen 20 Uhr am Freitag.  Lena Rilling ergänzte: „Die letzten Jahre waren es vor allem Probleme mit Betrunkenen, die wir aus der ersten Reihe holen mussten, so ab 22 Uhr, die waren kaum ansprechbar.“
 
Dass das Ract! dieses Jahr wieder im Anlagenpark stattfinden konnte, nachdem es 2010 auf dem Schiebeparkplatz stattfand, fand Christin Gumbinger, die „Mutti“ der Festivalplanung sehr gut. Die Festivalveranstalterin sieht Probleme auf das Open-Air zukommen. Denn der Gemeinderat hat vor, auf dem Gelände der Bühne West, wo die HipHop-Bands spielen, für die nächsten zwei Jahre ein Ausweichgebäude für eine Grundschule zu errichten. „Da haben wir schon eine Unterschriftenaktion gegen gestartet“, so Gumbinger. Der Beschluss ist noch nicht durch, aber wenn es so kommen würde, dann würde es eventuell problematisch werden. Immerhin ist der Aufbau des Racts! mit Lärm verbunden und es würde sicher neue Auflagen geben, zudem würde ein Fluchtweg verbaut werden und es wäre eine Bühne weniger am Start. „Außerdem wäre dann der Park als Anlage nicht mehr das, was er mal war“, so Gumbinger. Das Ract! war mit etwa 20.000 Besuchern dieses Jahr nicht so gut besucht wie bei der letzten Auflage, so Rainer Kaltenmark vom Ordnungsamt Tübingen. 
 
Info
 
Die Veranstalter des Ract! sind der Verein zur Förderung politischer Bildung und Partizipation e.V (act!e.V.), der Kreisjugendring und die Fachschaftenvollversammlung. Das Ract! wurde 2006 zum ersten Mal ins Leben gerufen, als sich das Räte-Open-Air (seit 1999) und das act!-Festival (seit 2005) zusammenschlossen. Heuer traten unter anderem die Bands Ganjaman & Uwe Banton, Rainer von Vielen, De Staat, Herr von Grau, More Colours, Tapete, Blutjungs, Manarun und ZweiPlus auf.