Stundenlang erzählte der Angeklagte am gestrigen Dienstagvormittag über seine vermeintliche Liebesbeziehung zu einer mehr als 35 Jahre jüngeren Frau. Oftmals verlor er sich in Details, beschrieb sich selbst als einen sehr fürsorglichen, liebevollen älteren Mann, den die damals 18-Jährige vermeintlich bedingungslos liebte.

Auch 16-Jährige misshandelt

Ganz anders hörte sich das allerdings in der Anklage an, die von der Ersten Staatsanwältin Rotraud Hölscher zu Beginn der Verhandlung verlesen wurde: Zunächst habe der Trainer für Thai- und Kickboxen sowie für Street Fighting in seinem Sportstudio im Kreis Reutlingen im Februar 2015 ein damals 16-jähriges Mädchen sexuell belästigt und missbraucht. Das Mädchen habe daraufhin abrupt die Besuche des Studios eingestellt, so Hölscher.

Tatort Kampfsportstudio

Zwei Jahre später soll es 2017 bei einer weiteren, damals 18 Jahre jungen Frau, ganz anders gewesen sein: Über mindestens zwei Jahre hinweg habe der heute 57-jährige Angeklagte das Mädchen in 54 Fällen „mit Gewalt zu sexuellen Handlungen gezwungen“, so die Staatsanwältin. 72 Mal soll der Mann an dem Mädchen sexuelle Handlungen gegen ihren Willen vorgenommen und sie zudem 69 Mal vergewaltigt haben. Das Ganze sei in dem Kampfsportstudio des Angeklagten in einem „System aus Befehl und Gehorsam“ erfolgt sein, wie die Staatsanwältin ausführte. „Er hat sie als seine Sexsklavin bezeichnet.“

Aussage im Plauderton

Scheinbar völlig unbeeindruckt von diesen gewaltigen Vorwürfen berichtete der auf Krücken in den Saal geleitete Angeklagte im Plauderton über seinen Lebenslauf von der Grundschule bis hin zur Untersuchungshaft: In Reutlingen geboren, Realschule, Ausbildung zum Offsetdrucker, Bundeswehr, 1990 zum ersten Mal geheiratet, „im gleichen Jahr wurde mein Sohn geboren“. Mit 26 eröffnet der heute 57-Jährige seinen eigenen Worten zufolge, zusammen mit einem Vetter ein Fitnesszentrum. Nur ein Jahr später jedoch habe er eine Kampfsportschule aufgemacht, die er 28 Jahre lang leitete. Eine Heilpraktikerausbildung habe er zudem absolviert und sich auch in Hypnose schulen lassen. „Rein aus Interesse“, weil er seine Kampfsport-Schützlinge auch mental trainieren wollte.

Drei Ehen, ein Kind

Auf seine erste Ehe folgte „zwischendrin die Hochzeit mit einer Russin“. Lang angehalten habe die Beziehung nicht. Mit seiner dritten Frau sei er nun seit „ungefähr zehn Jahren verheiratet“. Fest angestellte Trainer habe er im Sportstudio nicht gehabt, seine Frau allerdings ein Kosmetikstudio in den gleichen Räumlichkeiten geführt. Und die Liebesbeziehung zu der 18-jährigen Sportschülerin? Er habe sich intensiv um das Mädchen gekümmert, weil sie das Zeug zu einer Profi-Boxerin gehabt habe. Er habe sie gepusht, nach vorne gebracht, sie mental gestärkt – dabei seien sie sich auch nähergekommen.

Einvernehmliche Beziehung?

„Mir war der Altersunterschied durchaus bewusst.“ Neben dem einvernehmlichen Sex hätten sie sich unglaublich viel unterhalten. „Wir haben über alles gesprochen, wirklich über alles“, behauptete der Mann. Schließlich „haben wir uns geeinigt, eine versteckte Beziehung zu führen, weil ja meine Frau in dem Studio mit drin war.“ Die Beziehung zu dem Mädchen sei immer besser, größer, „fester geworden – wir waren ein richtiges Liebespaar“, sagte der Angeklagte gestern im Landgerichtssaal. Rein sportlich betrachtet habe sich die Frau enorm weiterentwickelt, „sie war ein Monster, ein absolutes Monster“, schien der Mann sich in seinen Gedanken über sie und ihre körperlichen Fähigkeiten zu wundern. „Sie sah aus wie ein weiblicher Mike Tyson.“ Sie habe Schläge wie mit einem Vorschlaghammer gehabt.

Zwei weitere Verhandlungstage

Und sogar für die Vorwürfe des Gerichts, dass er das Mädchen mit Gewalt zum Sex gezwungen haben soll, hatte er die passende Antwort: „2018 hat sie dann diese Frau ins Spiel gebracht“, so der Angeklagte. Die Beiden hätten zusammen Sado- und Maso-Spielchen praktiziert. Das habe dem Mädchen gefallen, daraufhin „habe ich sie auch so gewürgt – alles war gut, es lief immer alles topp“, betonte der 57-Jährige. Nur eins nicht: Seine Hüftarthrose plage ihn, so dass er ohne schwerste Schmerzmittel das gar nicht aushalten würde. Die Verhandlung geht am heutigen Mittwoch und am 9. März weiter.